Nachwuchs, Mitarbeiter, Wettbewerber, Investoren – vielfältige Optionen, den Staffelstab des Betriebs weiterzugeben. Bild: shutterstock/Brian A Jackson

Betriebsübergabe: Den Staffelstab weitergeben

4.08.2021 | Management

12,5 Prozent der Handwerksbetriebe in Deutschland suchen bis 2030 einen Nachfolger. Ihnen gegenüber stehen weniger Übernahmekandidaten. IDENTICA Holliday ist einer von ihnen und berichtet von seinem Fall. Herbert Prigge von der bpr Mittelstandsberatung gibt Ratschläge, wie die Übergabe möglichst reibungslos verläuft.

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„Mitbewerber hätten uns gerne geschluckt, aber zu ihrem Preis“, verrät Geschäftsführer Charles Holliday vom gleichnamigen IDENTICA-Betrieb aus Pfungstadt. Nach dieser Nachricht sei erstmal Panik unter seinen fünf Mitarbeitern ausgebrochen, denn die Zukunft des südhessischen K&L-Betriebs ist ungewiss. Die Zukunftssorgen kamen plötzlich, denn vor drei Jahren bekam der 61-jährige Karosseriebau- und Lackierermeister die Diagnose Leukämie und spätestens nach der vierten Chemotherapie wusste Holliday, dass es körperlich nicht mehr geht.

Die Corona-Krise kam dann noch erschwerend hinzu: „Krankheit und Pandemie haben mir den Mut genommen weiterzumachen“, gibt Holliday offen zu. Ihn schrecke zusätzlich die voranschreitende Digitalisierung ab und er fühle sich nicht mehr in der Lage, die mittlerweile gestellten digitalen Anforderungen von Versicherungen zu erfüllen. Kollegen in seiner Situation rät er, sich rechtzeitig zu kümmern und die Betriebsübergabe mit ausreichend Vorlauf zu planen.

Preisverleihung bei Spies Hecker
Es geht um Lebenswerke, die erhalten bleiben sollen. Wie auch IDENTICA Holliday aus Pfungstadt. Bild: IDENTICA Holliday 
Sieger Azubi Akademie
Charles Holliday hätte gerne noch vier bis fünf Jahre weiter gemacht, aber die Betriebsübergabe ist unumgänglich. Bild: IDENTICA Holliday 

Plötzlich Betriebsleiter

Als der Betriebsinhaber 2018 ins Krankenhaus musste, übernahm ein Mitarbeiter das Ruder. Der 30-jährige Karosseriebaugeselle ist seit 14 Jahren im Betrieb: „Der Junge ist hochintelligent, hat als Innungsbester seine Ausbildung bei mir abgeschlossen. Wenn einer den Betrieb übernehmen kann, dann er“, erzählt das Branchenurgestein stolz. Das nötige Vertrauen ist also da. Den Betrieb an seine Kinder zu übergeben, kommt nicht in Frage. Nachwuchs im Hause Holliday ist zwar vorhanden, aber seine Tochter und zwei Söhne hätten sich in eine ganz andere Richtung entwickelt: „Die wollen heutzutage lieber im Internet oder im Büro arbeiten“, merkt der Hesse an. Nach ersten Befürchtungen und mit der Aussicht womöglich vom Konkurrenten übernommen zu werden, rang sich der Muster-Azubi doch zur Übernahme durch.

Nur wie das Finanzielle regeln? Denn der junge Betriebsleiter bekommt die notwendigen 1,2 Millionen Euro nicht von seiner Bank. Charles Holliday lässt sich davon nicht entmutigen und erwägt eine Rentenlösung: „Er zahlt mir einen gewissen Betrag für 15 Jahre und dann gehört der Betrieb ihm.“ Umsetzbarkeit und Versteuerung dieser Regelung müssen noch zusammen mit dem Steuerberater geprüft werden. Bis dahin bleibt er als Meister dem Betrieb erhalten.

Frank Forst, Vertriebsleiter Spies Hecker
Stand schon vielen Betrieben bei der Nachfolgesuche mit Rat und Tat zur Seite – Berater Herbert Prigge. Bild: bpr Mittelstandsberatung 

Beratern sei Dank

Eine Sache liegt Charles Holliday am Herzen: „Unseren Gebietsleiter von Spies Hecker, Thomas Sobietzki, muss ich lobend erwähnen. Er hat mir viele gute Tipps gegeben und immer geguckt, dass er uns helfen kann.“ Eine Vertrauensbasis ist da, denn schließlich kennen sich der Dino – wie er sich selbst bezeichnet – und der Produkt Systemberater von Spies Hecker seit 30 Jahren. Ebenfalls geholfen habe das Angebot der Handwerkskammer, den Wert seiner Immobilie kostenlos schätzen zu lassen. Bei dem steuerrechtlich anerkannten und zertifizierten Verfahren werden Bilanzen und Immobilien betrachtet und aufgrund dessen der Wert des gesamten Unternehmens geschätzt. Thomas Sobietzki stellte den Kontakt zu Herbert Prigge von der bpr Mittelstandsberatung her, der mit seiner betriebswirtschaftlichen Expertise IDENTICA Holliday bei diesem Prozess unterstützt.

„Betriebsnachfolge ist eine lange Straße mit vielen Abzweigungen“, gibt Herbert Prigge zu bedenken. Zusätzlich zum Tagesgeschäft sei es in der Regel das erste und einzige Mal, dass sich Unternehmer mit dieser Thematik befassen müssen. Die emotionale Verstrickung sei ebenfalls zu beachten und eine Beratung von außen empfehlenswert.

Vorab sollten sich Betriebsinhaber laut Prigge folgende Fragen stellen:

  • Bin ich bereit? Bin ich auf dem Weg bereit zu sein?
  • Was soll übergeben werden? Was will ich behalten?
  • An wen will ich übergeben?
  • Wie sieht meine Rolle nach der Übergabe aus?

Der Unternehmensberater rät zudem:

  • Nicht zu lange warten, sonst besteht die Gefahr unter Druck handeln müssen und Unternehmenswerte zu pulverisieren: fünf Jahre vor Betriebsübergabe beginnen, spätestens mit Mitte 50
  • Kommunikationsstrategien entwickeln: Mitarbeiter, Lieferanten und Kunden ein klares Bild vom Plan der Nachfolge geben
  • Lotsen suchen: Sich abholen und den gesamten Prozess über begleiten lassen
  • Zeit nehmen: bei konkretem Kaufangebot mindestens sechs, realistisch neun bis zwölf Monate; muss der Betrieb für die Übergabe vorbereitet werden, noch mehr Zeit einplanen

Mehr Informationen zu Beratungsangeboten und Ansprechpartnern sind auf bpr-mb.de zu finden.

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