Nach Firmenaussage bei nahezu maximal energieeffizienter Nutzung angekommen: Lackierkabinen von Wolf. Bild: Wolf

“Staatliche Förderhilfen nutzen”

21.08.2020 | Nachhaltigkeit

Wärmerückgewinnung, LED-Beleuchtung und perfekte Abstimmung der Betriebsparameter auf den Lack: Wie sich in der Kabine Energie sparen lässt.

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Herr Sterzik, im K+L-Betrieb hat die Lackierkabine einen hohen Anteil am Energiebrauch. Was hat sich in den letzten Jahren getan, um diesen Kosten- und Umweltfaktor zu reduzieren?
Die Lackierkabine ist häufig der größte Energieverbraucher in einem Betrieb. Daher ist hier eine Energieeinsparung durch Wärmerückgewinnung, Betriebsartenprogramme und frequenzgeregelte Ventilatorantriebe am stärksten spürbar. Moderne Anlagen mit effizienten Wärmetauschern verwenden heute bis zu 50 Prozent der Wärme aus der Fortluft wieder, um die kalte Ansaugluft zu erwärmen. Und die intelligente Betriebsartensteuerung passt die Lüftung an den jeweiligen tatsächlichen Bedarf an. Damit reduziert sich der Energieverbrauch nochmals erheblich.

Alles computergesteuert?
Ganz genau. Über die Jahre ist diese Steuerung deutlich verfeinert worden. Grundlage bieten dabei unsere Erfahrungen als weltweit tätiger Kabinenhersteller. Gemeinsam mit unseren Kunden und mit den Lackherstellern sammeln wir Daten und Fakten. Darauf basierend werden die Algorithmen zum Betrieb der Kabine den Anforderungen der Lackierer, neuen Lackmaterialien, aber auch ggf. den klimatischen Bedingungen angepasst.

Juergen Sterzik
Jürgen Sterzik, Vertriebsleiter Lackieranlagen bei Wolf Geisenfeld, hat seit über 20 Erfahrung in der Lackierbranche. In Sachen Nachhaltigkeit hat sich hier in den letzten Jahren einiges bewegt, erklärt der Experte im Interview mit der color.news. Bild: Wolf

 

Welche Regeleinheit hat sich als besonders effektiv erwiesen?
Sobald eine bestimmte Zeit keine Druckluftentnahme durch die Lackierpistole mehr erfolgt, schaltet die Anlage zunächst automatisch auf Standby-Betrieb mit stark reduzierter Luftleistung. Wenn nach längerer Standby-Zeit immer noch nicht wieder lackiert wird, schaltet die Steuerung auf Energiesparmodus im Umluftbetrieb. Wenn der Lackierer wieder anfangen möchte zu lackieren, erkennt die Anlage den Druckluftbedarf und schaltet automatisch in den Lackiermodus. Ist dieser hochgelaufen, kann weiterlackiert werden. So wird der Betrieb der Anlage immer exakt an die Arbeitsabläufe angepasst: das bedeutet maximale Effizienz, was den Energieverbrauch betrifft.

Aber jeder Lackierer hat seine eigene Handschrift, seinen eigenen Stil.
Das ist richtig. Aber allen gemeinsam ist der Wunsch, ein gutes Ergebnis bei minimalen Energiekosten zu erzielen. Durch den hohen Automatisierungsgrad unserer Kabinen bieten wir ein sehr effizientes Grundgerüst. Aber der Lackierer kann, neben den fest hinterlegten Ablüft- und Trockenprogrammen, auch Programme konfigurieren, um individuelle Anforderungen in die Steuerung mit aufzunehmen. Hier beraten wir gerne, um das Lackieren prozesssicher zu machen und gleichzeitig den geringsten Energieverbrauch sicherzustellen.

Nun gehört die neue, moderne Anlage zu den größten Investitionen im K+L-betrieb. Wo kann der Lackierer Energie einsparen, wenn er noch eine Anlage älteren Baujahres besitzt?
Hier hat es der Lackierer selbst in der Hand. Er sollte die Anlage nur so lange im Lackierbetrieb laufen lassen, wie es wirklich nötig ist. Bei längeren Stillstandszeiten sollte man die Anlage besser ausschalten. Eine einfache Möglichkeit, den Verbrauch zu reduzieren, ergibt sich durch eine Absenkung der Kabinentemperatur im Winter. 4 Grad weniger bedeuten ca. 10 % Einsparung. Dieser Effekt ist übrigens auch bei modernen Anlagen wirksam. Einen großen Beitrag zur Energieeinsparung leisten natürlich moderne Lackmaterialien mit niedrigen Trockentemperaturen und kurzen Trockenzeiten.

Ist es auch möglich, eine ältere Kabine energieeffizient nachzurüsten, wenn nicht direkt eine neue installiert werden soll?
Prinzipiell ist es möglich, eine bestehende Kabine mit einer Wärmerückgewinnung und einer modernen Betriebsartensteuerung nachzurüsten. Da wir die Lüftungsgeräte selbst im eigenen Werk fertigen, können wir viele Komponenten auch nach Jahren erneuern und ergänzen. So lässt sich die Lebensdauer einer Anlage deutlich verlängern. Aber auch wer sich eine neue Kabine anschafft, muss die alte WOLF Kabine nicht automatisch verschrotten. Hierfür gibt es einen Gebrauchtmarkt, der für ein zweites Leben sorgt. Im Grunde genommen ist dies auch eine Form nachhaltigen Wirtschaftens.

„4 Grad weniger bedeuten ca. 10 % Einsparung”

Wie wichtig ist für Sie bei der Weiterentwicklung der Lackierkabinen die Zusammenarbeit mit Lackherstellern wie Spies Hecker?
Die Zusammenarbeit ist für uns von großer Bedeutung. Ein Beispiel: Wir haben in der Computersteuerung der Anlagen die Möglichkeit, vier Programme zu hinterlegen, die speziell auf einen Lack abgestimmte Abläufe wie die Dauer des Ablüftens und des Trocknens gespeichert haben. So können wir unsere Kabinen etwa perfekt auf die neue Speedtechnologie von Spies Hecker abstimmen. Hier Hand in Hand zu arbeiten ist auf jeden Fall wichtig.

Welche neuen Entwicklungen gibt es noch mit Blick auf die Energieeffizienz der Kabinen?
Neben der Optimierung der Steuerung betrifft dies die Beleuchtung. Seit etwa sechs Jahren rüsten wir nahezu alle Kabinen mit LED aus, die gegenüber herkömmlichen Lampen rund 70% Strom sparen. Ganz neu ist jetzt unsere Tageslicht-LED mit vollem Farbspektrum. So wird der Farbabgleich im Freien oder mit einer Taglicht-Handlampe beim Nachlackieren obsolet. Je besser der Lackierer sieht, desto effizienter und genauer kann er arbeiten. Kosten- und energieaufwändige Nacharbeiten werden minimiert.

Was sollte ein Betrieb beachten, der eine neue Lackierkabine installieren möchte?
Zunächst: für nachweislich energieeffiziente Kabinen gibt es interessante staatliche Fördermöglichkeiten, über die man mit einem Energie- und Fördermittelberater sprechen sollte. Dann muss die Frage geklärt sein, ob zusätzlich weitere ökologisch nachhaltigen Innovationen geplant sind. Wird etwa erwogen, in der nächsten Zeit ein Blockheizkraftwerk zu installieren, sollte die Lackierkabine im Vorhinein darauf ausgerichtet sein.

Was bedeutet das?
Ist ein BHKW die einzige Energiequelle, so muss das Lüftungsaggregat der Kabine mit Warmwasser beheizbar sein statt mit einer Gasflamme. Es können jedoch auch Warmwasser plus Gasheizung gleichzeitig in einem Lüftungsaggregat vorhanden sein. Für das entsprechende Heizregister müssen Sie nur zusätzlichen Platz einplanen.

Wird es zukünftig die Null-Emissionen-Kabine geben?
Ich denke, dass wir mit Blick auf Beheizung, Ventilatoren und Beleuchtung bei nahezu maximal effizienter Energienutzung angekommen sind. Die Ökobilanz einer Kabine hängt somit hauptsächlich an der Frage, ob Strom und Wärme aus “grünen” Energiequellen gewonnen werden.

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