Peter Börner im Gespräch über E-Mobilität: “Die Hersteller müssten da mal einen Klotz hinstellen, dass die Heide wackelt.” Foto: color.news

„Corona hat Zeit für Reflektion gebracht“

21.08.2020 | Porträt

Im Stillstand liegt eine Menge Bewegung, das hat Peter Börner in den Wochen des coronabedingten Lockdowns festgestellt. Was aus seiner Sicht jetzt angegangen werden muss, was für die K+L-Branche wichtig ist und wie Deutschland die Krise übersteht: der ZKF-Präsident und seine Sicht der Dinge im Portrait.

Einen, dessen Terminkalender aus allen Nähten platzt, der den Großteil der Zeit durch die Republik von einer Konferenz zur nächsten Messe zum übernächsten Event unterwegs ist, einen, durch dessen Adern zumindest ein guter Teil Benzin fließt – so einen Menschen traf der Corona-Lockdown im März wie ein Schlag. „Ich konnte es wirklich nicht glauben“, sagt ZKF-Präsident Peter Börner. „Von einem auf den anderen Tag war nichts mehr los.“

 Nach einigen Tagen der Verwunderung und Fassungslosigkeit: schnelle Anpassung an die neuen Umstände. „Corona hat uns alle gegroundet. Und kreativ werden lassen“, sagt der 54-jährige. Wenn ein dreistündiges Meeting in Berlin, für das er sonst einen ganzen Tag unterwegs war, auf einmal dank Videokonferenz nur noch 180 Minuten beansprucht, dann bleibt Zeit übrig. „Zeit für kritische Reflektion. Für mich, für den Verband.“ Auf einmal wurden durch die Schließungswelle Dinge an Land gespült, die lange nur unter der Oberfläche wogten.

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Ein Beispiel: eine Tageszeitung griff in ihrer Berichterstattung den Umstand auf, dass die Versicherungen den Werkstätten nach drei Monaten die Kosten für die Reparatur überweisen. Tenor des Artikels: sogar die Versicherungen geraten durch Corona in Schwierigkeiten. „Völlig falscher Schluss, denn das ist schon immer gängige Praxis bei den Versicherungen“, so Börner. „Aber trotzdem gut, dass das Thema aufgegriffen wurde. Denn es kann nicht sein, dass ein Handwerker drei Monate auf sein Geld warten muss und mit immensen Summen in Vorkasse gehen muss, von Material bis zu hin zu Lohnkosten. Das müssen wir angehen.“

Die Digitalisierung in den Werkstätten vorantreiben

Zu diesem Thema gesellte sich schnell ein weiteres: das Handwerk und die Digitalisierung. Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln erfordern neue Wege der Informationsverarbeitung- und -übermittlung. „Das mittelständische Handwerk ist aber meist konservativ. Die fragen sich: was soll ich mit dieser ganzen neuen Technik, was bringt sie mir?“ Dabei sei es doch die Zukunft, so Börner, dass auf jeder Werkbank ein Tablet liegen müsse. „Technische Dokumentationen und Handbücher gehören auf den Bildschirm. Und vieles rund um die Fahrzeugannahme und -übernahme muss digitalisiert werden.“ Sein Verband will die Digitalisierung nun energischer vorantreiben. Auch mit Unterstützung der Vordenker in den Betrieben, die Applikationen und Software selbst programmieren – denn die wissen aus der täglichen Erfahrung, was gebraucht wird.

Selbstkritik: „Wir waren eigentlich dabei, ein Online-Terminportal für die Kunden aufzubauen, in dem sie mit der von der Versicherung genannten Werkstatt bequem einen Termin vereinbaren können. Das haben wir aus den Augen verloren und müssen da dringend etwas tun.“ Nächster Punkt auf der Agenda: „Das Lack- und Karosseriehandwerk muss für Jugendliche wieder sexy werden.“ Sexy heißt hier unter anderem: finanziell attraktiv. „Die jungen Leute fallen vor Lachen vom Stuhl, wenn sie hören, was sie in der Ausbildung zum Fahrzeuglackierer oder Karosseriebauer verdienen.“ Maurer, Bankkaufleute – alle stellen sich besser. „Eine Konsequenz daraus ist: wir müssen mit den Versicherungen über die Stundensätze reden, damit die Betriebe höhere Vergütungen zahlen können.“

Deutsches Handwerk – hochwertig und zuverlässig

Peter Börner, Porträit
Peter Börner beim ZKF im hessischen Friedberg: “Corona hat uns alle gegroundet.” Foto: color.news
Alles notwendige Maßnahmen, damit die K+L-Betriebe gut gerüstet in die Zukunft kommen. Dazu gehört für ihn auch, dass die Betriebe zukünftig wieder mehr Rücklagen bilden, um Krisen überstehen zu können. Wer den Mittelstand als Rückgrat der deutschen Wirtschaft betrachtet, für den steht das Überleben der Betriebe in einem noch größeren Kontext. „Das deutsche Handwerk ist international einmalig und durch die Handwerksordnung sind wir Vorreiter, was Qualität und Zuverlässigkeit angeht.“ Das sagt Peter Börner sehr nachdrücklich, mit hörbarem Stolz in der Stimme, bei dem seine eigene Biografie durchklingt: seine Großväter, sein Vater – alles Handwerksmeister.

In der Tradition ist er geblieben: weil er, seit er denken kann, „was mit Autos“ machen wollte, ging er nach der mittleren Reife in die Lehre zum Karosserie- und Fahrzeugbauer. Als er zur Bundeswehr musste, wollte er unbedingt zur Marine. „Denn Wasser war schon immer mein Element.“ Statt Schiffen wurden es dann aber Autos: weil er seine Ausbildung schon absolviert hatte, reparierte er in den 18 Monaten Wehrdienst im Bundeswehrfuhrpark so ziemlich alles, was Räder und keine Ketten hat. Nach dem Wehrdienst machte er seinen Meister, zwei Jahre an der Abendschule, mit Unterstützung seiner Eltern, für die er bis heute dankbar ist.

Dann der Wechsel vom Ausbeulhammer zum Bleistift: es folgten 15 Jahre bei Schwacke, zuletzt als internationaler Vertriebsleiter. Beim Eurogarant und beim ZKF ist er nun seit 11 Jahren. Ob ihm das Arbeiten mit Blech und Lack fehlt? „Ehrlich gesagt nicht,“ gibt Börner zu. “Meine jetzigen Aufgaben erfüllen mich voll und ganz.” Eigentlich etwas anderes tun zu wollen würde aber auch nicht passen zu einem, der das Wort „eigentlich“ konsequent aus seinem Wortschatz verbannt hat. „Dieses Wort ist eines der grauseligsten überhaupt. Es relativiert jede Aussage. Dann kann ich es auch gleich lassen. Entweder ich meine die Sätze so, wie ich sie sage. Oder ich schweige.“

Zuversichtlich aus der Krise

Einige Peter-Börner-Sätze im Schnelldurchlauf: „Das Konjunkturpaket der Bundesregierung ist ein Schlag ins Kontor der Autoindustrie. Die müssen sich jetzt endlich mal bewegen.“ Was bis jetzt von den Konzernen in Sachen E-Autos angeboten würde, sei wirklich „Krabbelgruppe“. Viel zu klein-klein. „Die Hersteller müssten da mal einen Klotz hinstellen, dass die Heide wackelt.“

„Das Lack- und Karosseriehandwerk muss für Jugendliche wieder sexy werden.“

Auf die Frage, wie Deutschland die Krise übersteht: „Was meinen Sie, wie schnell wir wieder bei 100 Prozent sind, so schnell können Sie gar nicht gucken.“ Woher diese Zuversicht? „Ich glaube, dass in Deutschland die Mentalität vorherrscht: nun haben wir viele von uns ein paar Wochen weniger gearbeitet, also müssen wir das ganz schnell wieder aufholen. Fleiß und Pflichtbewusstsein.“
Peter Börner ist wieder in Bewegung. Zwar mit vielen Tausend Kilometern weniger auf der Schiene und der Straße, mehr bei seiner Familie zuhause und das wird wahrscheinlich auch zukünftig so bleiben, aber es gibt vieles anzupacken, voranzutreiben, zu verbessern. Es gilt mehr denn je, Traditionen im Handwerk aufrechtzuhalten und gleichzeitig den Fortschritt zu gestalten.

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