Hildegard Müller zu Verkehrswende und Klimaneutralitat: „Es gibt keine einfachen Lösungen.“

Die starke Frau der Automobilindustrie

29.06.2022 | Porträt

Ein Leben ohne Auto ist möglich, aber nicht schön. Die amtierende Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) spricht über die Zukunft der Branche und die Problematiken von Mobilität.

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Hildegard Müller wurde 1998 als erste Frau zur Bundesvorsitzenden der Jungen Union gewählt. 2002 folgte die Wahl in den Bundestag, dem sie bis 2008 angehörte. Von 2005 bis 2008 war Hildegard Müller Staatsministerin im Bundeskanzleramt unter Angela Merkel. Nach über zehnjähriger Tätigkeit in der Energiewirtschaft ist Hildegard Müller aktuell die amtierende Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA). In dieser Position ist sie im ständigen Gespräch und Austausch mit der Politik.

Frau Müller, wir leben in unruhigen Zeiten. Greifen wir aus der Liste der Herausforderungen, vor denen die Gesellschaft derzeit steht, ein Thema heraus: die steigenden Energiepreise. Was bedeuten diese für die Automobilindustrie?

Hildegard Müller: Anhaltend hohe Energiekosten bedeuten, dass wir international nicht wettbewerbsfähig bleiben können. Für die Weiterentwicklung in unserer Branche ist ein enormes Investitionsvolumen angesetzt – wir reden hier von 220 Milliarden Euro, die bis 2026 allein in Forschung und Entwicklung fließen sollen. Wir müssen investieren, um weiterzukommen – und damit das passieren kann, dürfen Faktoren wie Energiekosten sich nicht beliebig vergrößern.

Wie sieht es für die Verbraucherinnen und Verbraucher aus?

Hildegard Müller: Dass steigende Kosten bedauerlicherweise auch hier eine große Belastung darstellen, liegt auf der Hand. Perspektivisch und mit Blick auf das Thema Mobilität ist es so, dass eine Verunsicherung eintreten kann, welche Antriebsart bei der Neuanschaffung eines Fahrzeuges die geeignete ist. Wenn Strom sich verteuert, verlieren E-Autos an Attraktivität. Von Seiten der Politik ist es notwendig, auf eine Energiepolitik zu achten, die sowohl der Industrie als auch den Bürgerinnen und Bürgern zuverlässige Planbarkeit ermöglicht. Gerade der Staat ist ja mit EEG-Umlage oder Stromsteuer ein Preistreiber. Zudem braucht es einen sinnvollen Mix aus der Erzeugung erneuerbarer Energien in Deutschland und Verträgen mit ausländischen Partnern, um ausreichend CO2-freien Strom zu haben.

Ist die deutsche Automobilindustrie agil genug, um die vielzitierte Verkehrswende zu stemmen?

Hildegard Müller: Zunächst einmal ist die Automobilindustrie hierzulande hervorragend aufgestellt. Wir sind immerhin Weltmeister, was die Zahl der Patentanmeldungen bei den Antriebstechniken betrifft. Mit rund 100 verschiedenen E-Modellen bietet sie eine breite Auswahl in allen Fahrzeugklassen. Die Automobilindustrie kann jedoch nicht allein die Verkehrswende vorantreiben. Alle an diesem Prozess Beteiligten müssen hier an einem Strang ziehen und wir brauchen Ziele, die realistisch sind.

 

Was wäre ein realistisches Ziel?

Hildegard Müller: Machen wir mal ein einfaches Rechenbeispiel: Selbst wenn ab sofort jede zweite Neuzulassung in Deutschland ein E-Fahrzeug wäre, hätten wir 2030 bei einem gleichbleibenden Fahrzeugbestand von circa 48 Millionen immer noch mehr als 30 Millionen Autos mit Verbrennungsmotor auf den Straßen. Für diese Autos brauchen wir synthetische Kraftstoffe. Zudem: Wenn wir diese 15 Millionen E-Fahrzeuge bis 2030 anstreben, müsste die Geschwindigkeit des Ausbaus von Ladepunkten für die Elektroautos versiebenfacht werden. Die Losung auszugeben, dass wir klimaneutral werden wollen – und ich persönlich stehe voll dahinter –, ist natürlich richtig. Aber die Komplexität des Ganzen ist nicht leicht zu durchdringen. Es gibt keine einfachen Lösungen.

Wird bei den Themen Verkehrswende und Klimaneutralität zu oft ein schwarzweißes Bild erzeugt, unter anderem auch von den Medien?

Seit zwei Jahren Präsidentin des VDA: Hildegard Müller.

Seit zwei Jahren Präsidentin des VDA: Hildegard Müller.

 Hildegard Müller: Es liegt in der Natur der Sache, dass Sie, wenn Sie in den Nachrichten 30 Sekunden haben, die Dinge nur verkürzt darstellen können. Generell wird nach meiner Auffassung folgender Punkt in der Debatte nicht hinreichend berücksichtigt: Mobilität bedeutet soziale Teilhabe. Es gibt ländliche Regionen, in denen können Sie beim besten Willen nicht teilhaben, wenn Sie kein Auto haben, weil es keine Bahnanbindung gibt oder der Bus nur selten fährt. Ihre Kinder möchten trotzdem zum Musikunterricht und Sie müssen zur Arbeit. Der Diskurs muss also lauten: Wie bleibt soziale Teilhabe in einer ökologisch motivierten Verkehrswende möglich?

Aber eine Demokratie muss es doch aushalten können, wenn es unterschiedliche Positionen gibt?

Hildegard Müller: Natürlich, genau das ist richtig. Jedoch ist teilweise eine Radikalisierung zu beobachten – und das übrigens nicht nur bei diesem Thema –, die mir Sorgen bereitet. Wer sich von Autobahnbrücken abseilt und Straßen blockiert, nimmt billigend in Kauf, dass andere Menschen zu Schaden kommen können. Solche Aktionen sowie Aufrufe zur Gewalt, wie sie häufig in den Sozialen Medien stattfinden, lehne ich als Demokratin grundsätzlich ab. Diskurs und Streit ja, Gewalt nein.

Die Generation Z, auch Generation Greta genannt, verkündet zunehmend, auf ein Auto als Statussymbol verzichten zu wollen. Machen Sie sich darüber Gedanken?

Hildegard Müller: Dass junge Menschen sich positionieren, ist richtig und wichtig. Um ein Auto zu nutzen, muss es im Übrigen nicht mein Eigentum sein, denken Sie etwa an Carsharing-Angebote. Zu einer neuen Mobilität gehören hoffentlich bald auch Shuttledienste mit autonom fahrenden Fahrzeugen. Das wäre auch für den ländlichen Raum eine Option. Im Übrigen: Eine Meinung wie die, auf das eigene Auto verzichten zu wollen, kann sich in einem späteren Lebensabschnitt auch wieder ändern – zum Beispiel mit der Familiengründung, dem Leben in urbanen Randgebieten oder im ländlichen Raum.

Um zum Schluss das Stichwort „Teilhabe“ noch einmal aufzugreifen: Wenn Mobilität Teilhabe ist – wie hoch schätzen Sie den Wert von K&L-Betrieben, die die Fahrzeuge ihrer Kunden wieder instand setzen?

Hildegard Müller: Im Sinne eines effizienten Umganges mit Ressourcen und der Werterhaltung von Fahrzeugen ist die Arbeit, die in den Werkstätten täglich geleistet wird, sehr wertvoll.

Und zu guter Letzt vervollständigen Sie bitte folgenden Satz: Ein Leben ohne Auto ist möglich …

Hildegard Müller: … aber nicht schön.

Frau Müller, vielen Dank für das interessante Gespräch!

 

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