Erfahrungen einer Frau in einer Männerdomäne: „Am Anfang kam es nicht nur einmal vor, dass Kunden gerne den Chef sprechen wollten.“ Bild: Bkomm 

Eine neue Ära

13.09.2021 | Porträt

Frauen in Führungspositionen? In K&L-Betrieben und Autohäusern eher selten. In Innungen, Verbänden und Gremien das gleiche Bild. Ein Blick auf den Vorstand des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) zeigt: 17 Männer und eine Frau bekleiden hier die Posten. Grund genug, einmal nachzufragen, wer diese Frau ist. Ein Besuch bei Petra Wieseler in Ulm.

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26 ist ein Alter, in dem man die Ausbildung, den Meister, vielleicht ein Studium absolviert hat. Ein Alter, in dem man meist noch keine größere Verantwortung trägt als die für das eigene berufliche Fortkommen. Hingegen eine ungewöhnliche Option mit 26: Das elterliche Autohaus und die Führung damals 45 Mitarbeitern – heute sind es 75 – in Verkauf, Service und Technik übernehmen. Als Frau. „Am Anfang kam es nicht nur einmal vor, dass Kunden gerne den Chef sprechen wollten“, erinnert sich Petra Wieseler, Geschäftsführerin des Autohauses Kreisser in Ulm. „Denen musste ich dann schonend beibringen, dass ich die Chefin bin. Ende der 1990er Jahre wurde meine Kompetenz durchaus angezweifelt, einfach nur, weil ich eine Frau bin.“

Die Zweifel an ihrer Kompetenz wurden mit den Jahren kleiner – ihr Einfluss immer größer. Seit 2018 ist sie Obermeisterin der Ulmer Kraftfahrzeuginnung. Im Oktober 2020 wurde sie als erste Frau in den Vorstand des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) gewählt. Und von Präsident Michael Ziegler hocherfreut begrüßt: „Für den Vorstand, der bisher eine reine Männerriege war, beginnt damit eine neue Ära.“ Diese neue Ära läutet sie allein ein, als einzige Frau unter den 18 Vorständen, wohlgemerkt. „Grundsätzlich kann ich mit Männern sehr gut zusammenarbeiten. Und, ich möchte betonen, ich wurde gefragt, ob ich das Amt übernehmen könne. Das ist die beste Voraussetzung. Für mich ist es eine optimale Position, um die Themen mit begleiten zu können, die mir wichtig sind.“ Abbau von Bürokratie ist eines davon. „Gerade die kleinen Betriebe sind durch immer mehr Verordnungen und Vorschriften überfordert.“

Ein anderer Punkt: Die Forderung nach einem flächendeckenden 5G-Netz, damit alle Betriebe gleichermaßen Zugriff auf Daten und Dienstleistungen haben und digital auffindbar sind. Und: Klimaschutz. „Natürlich sehe ich und sehen wir alle, dass wir am Klimaschutz nicht mehr vorbeikommen, dies darf jedoch nicht zu Lasten der individuellen Mobilitätsform gehen. Wir können aber nicht nur auf die E-Mobilität setzen – schlicht, weil sich nicht innerhalb weniger Jahre eine flächendeckende Lade-Infrastruktur installieren lässt. Alternative Technologien wie E-Fuels finden in der Debatte zu wenig Beachtung.“ Und natürlich, wichtiger Teil der Verbandsarbeit während der Corona-Pandemie: Verlässlicher Partner für die Betriebe zu sein. Denn diese war und ist für alle eine gleichermaßen neue Herausforderung.

Frank Forst, Vertriebsleiter Spies Hecker

Auto-Fachfrau in vielerlei Hinsicht: Autohaus-Geschäftsführerin, Innungs-Obermeisterin und ZDK-Vorständin Petra Wieseler. Bild: Bkomm

Mit dem Rücken zur Wand? Nach vorne blicken!

„Aber mein Krisengefühl, wenn wir es so nennen wollen, war 2008/09 in der weltweiten Finanzkrise deutlich schlimmer. Wir bauten gerade unseren zweiten Standort, die Kosten wurden deutlich höher als veranschlagt und es war schwer geworden, bei den Banken Kredite zu bekommen.“ Damals, so beschreibt sie es, habe sie mit dem Rücken zur Wand gestanden und sich Sorgen um den Weiterbestand des gesamten Betriebes gemacht. Im Nachhinein betrachtet, sagt sie, sei die Investition in den zweiten Standort die beste Entscheidung gewesen – dies habe sich nach der Krise herausgestellt.

Während der Pandemie gibt es auch Probleme zu bewältigen, aber keine existenziellen Nöte: „In unserer Werkstatt läuft alles stabil weiter – wir haben rund 70% Privatkundenanteil. Natürlich haben wir auch Einbußen dadurch, dass weniger Kilometer gefahren werden, weniger Wartungen und Reparaturen anfallen. Zeitweilig mussten mehrere Mitarbeiter in Kurzarbeit.“ Die aus der Not eine Tugend machten und seitdem regelmäßig Vorführ- und Erklärvideos auf Youtube hochladen und den Facebook-Account der Firma bespielen. „Ohne Soziale Medien geht es heute in der Geschäftswelt nicht mehr“, sagt die 51-Jährige. „Wir wollen und müssen die jüngeren Kundengruppen erreichen.“

Sie erreichen ist das eine. Sie vom Kauf eines Fahrzeuges überzeugen das andere. „Die Generation zwischen 20 und 30 sieht das Auto nicht mehr als Statussymbol, sondern als Fortbewegungsmittel.“ Als Transportmöglichkeit, die sich den eigenen Bedürfnissen anzupassen habe: Im Winter muss ein SUV für den Ski-Urlaub verfügbar sein – im Sommer wird dann gerne Cabrio gefahren. Die Beliebtheit von Car-Sharing und Abo-Modellen wird steigen, glaubt sie. „Das bedeutet natürlich für uns, dass wir uns den geänderten Bedingungen anpassen müssen.“

Vom Fahrradgeschäft zum Autohaus

Und wenn ein Betrieb, so wie der ihrige, schon seit 1932 besteht, dann muss er schon manche Veränderung gemeistert haben. Ihr Großvater gründete ihn als Fahrradgeschäft, zu dem später eine Tankstelle hinzukam. Es folgte der Einstieg in Autohandel- und Werkstatt. Ihre Eltern hatten nicht die Erwartung, dass sie den Betrieb einmal führen würde, erzählt Petra Wieseler. „Aber es lag dann irgendwann auf der Hand.

Frank Forst, Vertriebsleiter Spies Hecker

E-Mobilität? Ja, aber nicht nur. „Alternative Technologien wie E-Fuels finden in der Debatte zu wenig Beachtung.“ Bild: Bkomm 

Nach der Realschule habe ich die Ausbildung zur Bürokauffrau mit dem Zusatz Automobil gemacht und danach meinen Kfz-Betriebswirt. Es sprach also nichts dagegen.“

„Ende der 1990er Jahre wurde meine Kompetenz durchaus angezweifelt, einfach nur, weil ich eine Frau bin.“

In etwas mehr als 10 Jahren steht das hundertjährige Betriebsjubiläum an. Wie es bis dahin weitergehen wird? Weiterhin zuverlässiger Ausbildungsbetrieb bleiben, das steht auf ihrer Agenda. „Hier müssen wir, genau wie bei der Ansprache unserer jungen Kunden, dorthin gehen, wo die potenziellen Azubis sind: in die sozialen Medien. Und wir müssen das Handwerk insgesamt noch attraktiver machen.“ Für sie gehört dazu, dass in ihrem Betrieb Praktika möglich sind. „Wir bilden in erster Linie Mechatroniker aus. Wer sich dafür interessiert, soll unbedingt die Chance bekommen, sich das ganze einmal ein paar Tage lang anzuschauen.“ Das sei für beide Seiten gut, sagt sie. Und welche Ziele möchte sie bis 2032 erreichen?

„Ich kann keine Zahlen nennen. Oder konkrete Maßnahmen. Was ich sicherstellen möchte ist, dass bis dahin alle meine Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz behalten. Und dass wir hier im Team immer vertrauensvoll zusammenarbeiten.“ Wobei das für sie vor allem bedeutet, dass sie ihre Mitarbeiter in möglichst viele Entscheidungsprozesse mit einbindet. „Wir haben zum Beispiel im Team über unseren Claim ‚Persönlich und kompetent‘ abgestimmt. Damit möglichst jeder dahinter steht.“ Sie setzt konsequent auf das Expertenwissen in ihrer Belegschaft. „Ich bin keine Einzelkämpferin. Ich muss weder alles wissen noch alles können. Wenn es um Neuerungen in Sachen Digitalisierung geht, oder um Neuanschaffungen im Betrieb – dazu berate ich mich mit unseren Fach-Experten.“ Lean Management in Reinform – Petra Wieseler nennt es selbstkritisch „Verzetteln. Manchmal verliere ich mich in Kleinigkeiten.“

In ihrer Belegschaft weiß man ihren Stil, der den Balanceakt zwischen jahrelanger Expertise und bleibender Lernbereitschaft, zwischen Kompromissfähigkeit und Entscheidungsfreudigkeit wagt, zu schätzen – und offenkundig auch beim ZDK, um es mit den Worten von Präsident Michael Ziegler zu sagen: „Ich freue mich, dass eine überaus befähigte Vertreterin unseres Gewerbes aus Baden-Württemberg den ZDK-Vorstand verstärkt.“

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