Aus der privaten Sammlung des Politikers: Der junge Josip Juratovic bei Karosseriearbeiten. Bild: Josip Juratovic 

Handwerk im Bundestag: „Eindeutige Schieflage“

7.07.2021 | Porträt

Das Image des Berufszweigs könnte besser sein. Das ist bekannt. Doch auch die Repräsentation des Handwerks im Parlament stimmt bei Weitem nicht mit der Realität überein. Einer der wenigen Vertreter des Handwerks in Berlin im Porträt.

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709 Abgeordnete sitzen seit 2017 im Bundestag – das bisher größte Parlament der Bundesrepublik, welches aller Voraussicht nach durch die Wahl im September weiterwächst. Einen handwerklichen Bezug können 36 Parlamentarier vorweisen, sieben von ihnen sind Meister ihres Fachs. Die meisten Handwerker, 14 an der Zahl, kommen aus den Reihen der Sozialdemokraten.

Einer davon ist Josip Juratovic. Der 62-jährige deutsche SPD-Politiker kroatischer Herkunft ist gelernter Kfz-Mechaniker. Die Lehre eingerechnet, blickt Juratovic auf 28 Jahre Erfahrung in der Automobilindustrie zurück: „Auf meinem Gesellenbrief steht Kfz-Mechaniker, aber im Herzen bin ich Karosseriebauer und Lackierer.“ In den K+L-Bereich ist er „reingerutscht“: Im Ausbildungsbetrieb fiel ein Karosseriebauer aus, weshalb er kurzerhand in diesem Bereich angelernt wurde. Die Werkstatt tauschte der Heilbronner drei Jahre nach der Ausbildung gegen das Fließband ein und ging nach Neckarsulm zu Audi. Sieben Jahre lackierte er mit 1.500 Kollegen die Ingolstädter Karossen am laufenden Band.

In 22 Jahren beim bayrischen Automobilhersteller machte Juratovic Karriere und entwickelte sich in die politische Richtung: Vom Fließbandarbeiter zum Produktprüfer und letztendlich zum freigestellten Betriebsrat. 2005 ging er als SPD-Abgeordneter für Heilbronn in den Bundestag nach Berlin: „Die Basis hat sich für den Arbeiter entschieden“, beschreibt Juratovic seinen damaligen Triumph gegen den Parteigenossen.

Josip Juratovic

Vom Fließband in den Bundestag: Josip Juratovic will das Handwerk in Berlin hochhalten. Bild: Reiner Pfisterer 

Roboter Fritz und Ali

Der schon als Jugendlicher politisch engagierte Juratovic wollte immer etwas verändern. Das begann schon bei Audi, wo er als Koordinator für Betriebsumstellung die Automatisierung des Produktionsprozesses gestaltete. „Wir haben Fritz oder Ali auf die Roboter geschrieben, um an die Kollegen zu erinnern, die ihren Job verloren“, erzählt der Sozialdemokrat. Der Gewerkschafter ließ sich nicht entmutigen, brachte eine Qualifizierungsoffensive und Beschäftigungsgarantie auf den Weg. „Klar ist es schwierig, wenn man merkt, dass man überflüssig wird. Aber statt gegen die Technologie anzukämpfen, müssen wir mit ihr mitgehen.“ 

Juratovic schlägt den Bogen zur Digitalisierung und Elektromobilität: „Ich habe absolut keine Angst vor der Zukunft. Durch die ersten Roboter bei Audi sind Arbeitsplätze in anderen Bereichen dazugekommen. Es wird sich vieles verändern, aber die Erfahrung zeigt, dass solche Transformationsprozesse nicht nur mit Jobverlusten verbunden sind.“ Umgestalten, umqualifizieren, die Leute mitnehmen – das war damals ein Lösungsansatz und wird es in den kommenden Jahren wieder sein, da ist sich der SPD-Mann sicher.

Gewollt: Handwerker, gewählt: Akademiker

Die Zahlen eingangs machen es deutlich: Die K+L-Branche und das Handwerk insgesamt sind im Bundestag unterrepräsentiert. Juratovic spricht aus eigener Erfahrung: „Man stellt sich als Arbeiter zur Wahl und es werden Akademiker-Maßstäbe angelegt“, vor allem in Bezug auf den Werdegang oder sprachliche Fähigkeiten. Für den Baden-Württemberger sollte ein Parlament die Gesellschaft widerspiegeln und sieht dabei „eine eindeutige Schieflage im Bundestag“. 5,62 Millionen Menschen waren 2020 im Handwerk tätig, was rund 12 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland ausmacht. Diese Gruppe wird von fünf Prozent der Abgeordneten in Berlin vertreten. Einen „Bildungswahn“ sieht er auch bei der Jugend und fordert, handwerkliche Ausbildungen attraktiver zu machen: „Junge Leute müssen mehr in Berührung mit dem Handwerk durch Praktika und Ausbildungsmessen kommen“. Aufgrund seiner persönlichen Historie liegt es ihm am Herzen, dass Hauptschüler eine Chance auf dem Ausbildungsmarkt bekommen. Durch die duale Ausbildung sieht er große Vorteile für das deutsche Handwerk im Vergleich zu europäischen Nachbarn, bei dem sowohl Betriebe als auch Lehrlinge gewinnen würden.

Von der Sitzung an den Oldtimer

Manchmal sehnt sich der Berufspolitiker an seine Zeit als Karosseriebauer und Lackierer zurück. Im Unterschied zur Politik, in der immer nur Nuancen beeinflusst werden können, sieht er bei dieser Arbeit sofort, was geschafft wurde. Wie bei seiner Restauration eines BMW von 1937 und dem Umgang mit Komponenten wie Metall, Holz und Glas. Seine abschließende Botschaft an die Branche: „Keine Angst vor der Zukunft. Jede Generation hat bisher ihre Herausforderungen bewältigt. Nicht von süßen Worten über Steuersenkungen verführen lassen und genau hinschauen, wer glaubwürdig und authentisch welche Interessen vertritt.“

  • Baujahr 1959
  • im kroatischen Koprivnica geboren, seit 1974 in Deutschland
  • Heimat: Gundelsheim-Böttingen im Landkreis Heilbronn
  • verheiratet, drei Kinder
  • Ausbildung zum Kfz-Mechaniker, hauptsächlich als Karosseriebauer und Lackierer gearbeitet
  • SPD-Mitglied seit 1982
  • Heilbronns Abgeordneter im Bundestag seit 2005
  • stellt sich im September zur Wiederwahl

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