Marc Brockötter ist neben seinem Schwiegervater Gerhard Strakeljahn Geschäftsführer der Strakeljahn-Gruppe. Foto: Lars Berg

Immer auf der Höhe

11.03.2020 | Porträt

Marc Brockötter sieht in der Digitalisierung große Chancen für die Branche.

Als Marc Brockötter noch auf den Dächern der Stadt herumkletterte, da war vor allem eines wichtig: sicherer Stand und guter Überblick. Das hat er früh verstanden. Mit 18 ging er in die Dachdeckerlehre, einige Zeit später folgte der Dachdeckermeister. Zwölf Jahre sah er sich die Welt von oben an. Anpacken war schon immer seins – warum also nicht 2008 in den Lack- und Karosseriebetrieb des Schwiegervaters wechseln? Dachdeckerkluft gegen Lackierer-Overall getauscht, den Karosseriebaumeister obendrauf gesattelt. Ein Handwerk-Allrounder.

Marc Brockötter ist neben seinem Schwiegervater Gerhard Strakeljahn Geschäftsführer der Strakeljahn-Gruppe. 185 Mitarbeiter an fünf Standorten – das erfordert gute Organisation und effiziente Abläufe. Brockötter setzt auf flache Hierarchien und schnelle Abstimmung untereinander. Lean Management ist für ihn die beste Art, sein Unternehmen in Bewegung zu halten. Jeder kann sich mit Vorschlägen einbringen. Wenn ein Lackierer einen Arbeitsablauf für verbesserungswürdig hält, wird solange optimiert, bis es besser läuft.

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Wer Prozesse optimieren will, muss immer eng an den Abläufen dran sein. Foto: Lars Berg

Die Woge der Digitalisierung, das Schwappen der künstlichen Intelligenz in den Werkstattalltag – der 42-Jährige hat keine Angst davor. Im Gegenteil: Er surft auf der Welle. „Die Digitalisierung ist eine Riesenchance, unsere Abläufe effizienter zu gestalten.“ Beispiele dafür hat er reichlich. Eines hängt im Münsteraner Betrieb im Flur an der Wand vor dem Umkleideraum. Ein Tablet, in das jeder Mitarbeiter seine Urlaubswünsche eingeben kann. Früher konnte es bis zu drei Wochen dauern, bis Urlaub genehmigt wurde, denn der Postordner ging nur einmal wöchentlich in die Zentrale. Jetzt sind die Urlaubsanträge nach spätestens drei Tagen bearbeitet. Bequemer für alle.

Bei einer anderen Innovation von Brockötter geht’s nicht nur um Bequemlichkeit. Es geht ganz simpel: um Geld. Viel Geld. Irgendwann hatte er einmal ausgerechnet, dass nur das Ausfüllen der Papiere für die Lagerhaltung jeden der fünf Betriebe pro Jahr das Monatsgehalt eines Lackiermeisters kostet. Vermeidbarer Papierkram, so lautete die Erkenntnis von Brockötter, nachdem er sich einen Tag im Büro eingeschlossen hatte. Und entwickelte die Software Stock Control. Softwareprogrammierung hat sich der Autodidakt selbst beigebracht: „Man kann schließlich alles lernen.“

Jetzt bestellt jeder Mitarbeiter ganz einfach mit ein paar Klicks. Nebenbei hat sich ergeben, dass die Lackierer ihr Lager nun selbst sortieren. Nicht so, wie es von oben vorgegeben ist, sondern so, wie es zu ihren Abläufen am besten passt. Weiterer Nebeneffekt: eine Papierersparnis von über 80%.

Rückzug ins (fast) papierlose Büro, um über Innovationen zu sinnieren. Foto: Lars Berg

Die regelmäßige Abstimmung mit den Mitarbeitern ist Brockötter wichtig, gerade bei neuer Software. Foto: Lars Berg

Wenn Brockötter eine neue Idee hat, dann stellt er sie seinen Mitarbeitern vor. „Wenn ich meine Leute nicht mitnehme, ist das für alle frustrierend,“ sagt er. „Ich kann nicht erfahrenen Profis einfach etwas Neues vorsetzen und sagen: Macht mal! Die müssen beim Findungsprozess dabei sein. So steigt die allgemeine Zufriedenheit.“

Die allgemeine Zufriedenheit steigt auch, wenn die Werkstatt ohne Mehrkosten auf angenehme 20°C geheizt werden kann. Ein eigenes Blockheizkraftwerk macht es möglich. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach hilft ebenfalls dabei, die Ökobilanz zu verbessern. Das Unternehmen konnte dadurch die Energiekosten im Jahr um 25.000 Euro senken. Und das, obwohl man in Münster mit einer komplett neuen Halle großzügig angebaut hat.

„Die Digitalisierung ist eine Riesenchance, unsere Abläufe effizienter zu gestalten”

„Man muss in Bewegung bleiben,“ ist das Credo von Brockötter. „Stillstand ist immer Rückschritt.“ Sorgen um die Zukunft macht er sich nicht. Zweifel? Fehlanzeige. Digitalisierung und Nachhaltigkeitsbestrebungen regen ihn zu Innovationen an. Wie sieht es mit dem Thema E-Mobilität aus, das aktuell gerade für die Lackierwerkstätten eine Herausforderung ist? Der Betrieb in Köln ist Tesla-zertifiziert, in allen anderen Betrieben haben die Mitarbeiter die E-Mobilität-Schulungen bereits abgeschlossen. Und was wäre, wenn dann doch die Brennstoffzelle der Antrieb der Zukunft werden würde „Dann bilden wir uns eben weiter.“ Denn man kann schließlich alles lernen. Vor allem, wenn man sicher steht und einen guten Überblick hat.

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