Arbeitsplatz Lackierkabine: „Mit Nettigkeit kommst du in dem Job nicht weit.“ Bild: Anne Ackermann

Weil sie es kann.

15.03.2021 | Porträt

Wer als junger Mann die Lehre als Fahrzeuglackierer anfängt, muss zwar auch viel lernen – es wird ihm aber grundsätzlich zugetraut. Entscheidet sich aber eine junge Frau für diese Ausbildung, muss sie erst einmal gegen Zweifler ankämpfen. Laura Heger hat die Herausforderung angenommen und sich durchgeboxt.  

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„Fahrzeuglackierer? Das ist nichts für dich. Körperlich viel zu anstrengend für eine Frau“, bekam Laura Heger von einem Freund zu hören, der bereits ausgelernter KfZ-Lackierer war. Das war 2016, sie hatte gerade ihren Realschulabschluss in der Tasche und überlegte, wie es nun für sie weitergehen sollte. Dass sie sich in Richtung Handwerk orientieren wollte, wusste sie schon länger. Und nun war die Entscheidung klar: sie würde den Weg gehen, von dem man ihr so dringend abriet. Um zu zeigen, dass es doch möglich ist.

„Meine Eltern waren zunächst etwas skeptisch“, erzählt die 21-jährige. „Zwar habe ich schon als Kind lieber mit meinen Brüdern Sachen unternommen, die eher für Jungs waren – mit Puppen spielen fand ich langweilig und Kleider mochte ich auch nicht tragen. Aber dass ich jetzt in einem komplett männerdominierten Umfeld meine Ausbildung machen wollte, das kam dann doch unerwartet.“ Trotzdem war ihr die Unterstützung ihrer Eltern sicher: ihr Vater kam kurzerhand mit zum ersten Bewerbungsgespräch beim Mannheimer IDENTICA-Betrieb Laug. „Um mal zu schauen, ob die dort alle in Ordnung sind“, schmunzelt sie.

„Ich kenne keine Welt ohne Internet und Smartphone – warum sollte ich mir Gedanken machen, wenn die Werkstatt digitaler wird?“

Das erste Ausbildungsjahr war sehr hart, erinnert sich die junge Frau. „Ganz ehrlich? Ich wusste am Anfang noch nicht einmal, was ein Kotflügel ist. Ich musste wirklich bei null anfangen. Dazu kam natürlich, dass mich die Gesellen und Meister erst einmal kritisch beäugt haben, so nach dem Motto: was will das Mädel hier?“

Von Null auf Hundert

Aber: sie lernte im Rekordtempo. Nicht nur, was ein Kotflügel ist. Sondern: wie sie ein Auto vorbereitet, schleift, lackiert – kurzum: perfekt wieder Instand setzt. Erarbeitete sich die Anerkennung und den Respekt der Kollegen. Lernte, auf einen rauen Spruch schlagfertig zu reagieren. Gewöhnte sich an die körperliche Arbeit: „Natürlich habe ich auch mal Muskelkater am nächsten Tag, wenn ich besonders viel geschliffen und lackiert habe. Aber das gehört zu dem Job dazu und macht mir nichts aus.“

Im vergangenen Jahr hat sie ihre Ausbildung mit der Bestnote abgeschlossen. Allen Corona-bedingten Widrigkeiten zum Trotz. Die Abschlussprüfungen wurden mehrfach verschoben; den Stoff der letzten Unterrichtseinheiten musste sie eigenständig lernen, weil die Berufsschule keinen digitalen Unterricht, sondern nur Arbeitsblätter zur Verfügung stellte. „Das war wirklich nicht einfach.“ In der Spies Hecker Azubi-Akademie war sie die Beste ihres Jahrgangs und bekommt vom Lackhersteller nun Unterstützung für die Meisterschule. „Damit fange ich aber erst frühestens nächstes Jahr an. Damit mir Corona nicht in die Quere kommt.“

Und wie soll es dann nach dem Meister weitergehen? Sie hat noch keine genauen Pläne. Was für sie aber feststeht: „Dadurch, dass ich in dem Job bin, kommen vielleicht auch andere Frauen auf die Idee. Es ist doch so: hier sind keine Frauen, weil hier keine Frauen sind. Wenn aber Beispiel eine Schülerin ein Praktikum hier macht, weil sie gesehen hat, dass ich hier bin und sich für den Beruf zu interessieren beginnt – dann kann sich die Frauenquote allmählich erhöhen.“

Mehr Frauen im Lackierbereich nötig

Was ihr Chef, Geschäftsführer Florian Neuwirth, übrigens ausdrücklich begrüßen würde. „Frauen haben eindeutig das bessere Gespür für Farben als Männer“, beobachtet er. Und noch etwas: „Die Arbeiten rund ums Schleifen und Applizieren werden immer filigraner, erfordern immer mehr Präzision. Dass Männer zwar bei anstrengenden Arbeiten leicht im Vorteil sein können, wenn es um Muskelkraft geht, ist das eine. Aber das andere ist eben, dass diese filigranen, fast künstlerischen, sehr präzisen Tätigkeiten Frauen besser liegen. Wir können definitiv mehr Frauen in dem Bereich gebrauchen.“

Ohnehin ändere sich gesellschaftlich gerade so viel, was Rollenmuster anginge, überlegt Laura. „Wenn ein Mann pink oder Blumenmuster trägt, regt sich darüber keiner mehr auf. Jeder kann sich mittlerweile stylen, wie er möchte. Das finde ich gut.“ Ihr eigener bevorzugter Style ist schwarz. Schwarz ist auch ihre präferierte Autofarbe. „Schwarz verzeiht dir nicht den kleinsten Lackierfehler.“ Überhaupt: wie geht sie mit Fehlern um? Bei Leichtsinnsfehlern, wie sie sie nennt, ärgert sie sich. Schwarz. „Wenn ich zum Beispiel den Schlauch über die gerade lackierte Fläche ziehe, dann rege ich mich wirklich über mich auf. Weil es unnötig ist und weil ich es besser kann. Dann bin ich nach dem Arbeitstag nicht zufrieden.“ Geht es um Fehler, die sie aus Unwissenheit verursacht hat, nimmt sie die Kritik gerne an. „Hier finde ich es wichtig, dass die Gesellen und Meister immer fair bleiben. Kritik kann man bekanntermaßen auf verschiedene Arten anbringen. Wird es unfair, setze ich mich zur Wehr. Das würde ich übrigens grundsätzlich allen Mädels empfehlen: macht den Mund auf, wenn man euch ungerecht behandelt.“ Mädchen, sagt sie, seien oft so erzogen, dass sie möglichst nett und freundlich sein sollten. „Mit Nettigkeit kommst du als Frau in dem Job aber nicht weit.“

Sie ist nun schon ziemlich weit gekommen. Sieht die Veränderungen, die Gegenwart und Zukunft bringen, mit einer bemerkenswerten Gelassenheit für eine 21-jährige. „Natürlich ist die Situation mit den Einschränkungen, die Corona bringt, nicht leicht. Aber hier im Betrieb hatten wir zum Glück genug Aufträge. Maske tragen und Abstand halten – es muss sein, also ist es okay.“ Und wie hat sich der private Alltag verändert? „Mir tun eher die leid, die jetzt 16, 17, 18 sind. Die eigentlich das erste Mal rausgehen wollen, die feiern wollen. Ich gehe auch gerne auf eine Party, aber wenn es mal eine Weile nicht möglich ist, ist das auch nicht schlimm.“

Lebenslang lernen? In Ordnung!

 

Und die Zukunftsaussichten für ihre Branche, ihren Job, sie selbst? „Ich mache mir ehrlich gesagt nicht so viele Gedanken. Wenn sich Dinge und Abläufe verändern, dann gewöhne ich mich daran.“ Beispiel Digitalisierung: „Ich kenne keine Welt ohne Internet und Smartphone – warum sollte es mir Sorgen machen, wenn die Werkstatt digitaler wird? Man hört nie auf zu lernen und das ist auch nicht schlimm.“

Was sagt eigentlich der Freund, der ihr so dringend von der Ausbildung abgeraten hatte? „Der ist mittlerweile ein bisschen neidisch auf mich und auf die Pläne mit der Meisterschule“, sagt Laura. Und vielleicht auch auf den Plan, sich in ein paar Jahren einen alten Mustang zuzulegen und ihn zu restaurieren. „Karosseriearbeiten müsste ich dann noch lernen – aber ich stelle mir vor, dass es eine schöne Beschäftigung ist, einen Oldtimer Instand zu setzen.“ Und wenn sie es will – dann wird sie es auch können.

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