Dirk Sauer von Axalta über die Chancen von „Instandsetzen statt Erneuern“.

Wenn eine Pandemie zum Antreiber wird

8.11.2022 | ProfiTipps

Dirk Sauer, Technical Director Refinish Systems bei Axalta, erinnert sich noch gut daran, dass die Instandsetzung beschädigter Karosserieteile in Kfz- Werkstätten zeitweilig ziemlich out war. „Gängige Praxis war, beschädigte Teile einfach zu erneuern.“ Viele davon hätte man noch reparieren können. „Aber Nachhaltigkeit war damals allenfalls ein Nebenaspekt“, so Sauer. „Mit der Folge, dass unsere Branche recht verschwenderisch mit Rohstoffen umgegangen ist.“

 

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Dabei wusste man in den Werkstätten schon immer, dass ganz handfeste technische Aspekte gegen einen allzu bereitwilligen Teiletausch sprechen. Sauer: „Jeder Austausch eines Teils greift in die Fahrzeugstruktur ein und kann sie schwächen. Etwa beim Korrosionsschutz: Selbst bei perfekter Verarbeitung und Beschichtung ist ein Ersatzteil nie so gut gegen Rost geschützt wie das Original nach der Tauchlackierung im Werk.“

Designtrends können Probleme machen

Dass man in den Werkstätten dennoch verstärkt auf Erneuerung setzte, hatte Gründe: Manche Baugruppen wurden irgendwann so konstruiert, dass sie sich ohne Spezialwerkzeug kaum noch auseinandernehmen ließen. Designtrends spielten ebenfalls eine Rolle. „Schauen Sie sich Autos aus den vergangenen Jahren an“, erklärt Sauer. „An vielen Karosserien wimmelt es von Kanten, Sicken oder Falten. Manche dienen vielleicht der Steifigkeit eines Bauteils – aber viele sind auch nur Dekoration. Solche Stellen spurenlos zu reparieren, ist enorm aufwendig. Da lässt sich auch mit Spachteln kaum noch was erreichen.“

Komplizierteres Arbeiten durch neue Werkstoffe

Ein weiterer Aspekt ist der zunehmende Einsatz neuer Werkstoffe, und das gerade an exponierten Stellen wie Front oder Heck. „Einen gerissenen Kunststoff-Stoßfänger zu reparieren, war früher gar nicht möglich oder nicht zulässig“, erklärt Sauer. „Also hat man in den Werkstätten ein Ersatzteil bestellt, neu lackiert und eingebaut.“

Sauer weiß um die Vorteile solcher Entwicklungen (etwa geringerer Spritverbrauch durch weniger Gewicht), sieht aber auch die daraus entstehenden Herausforderungen für die Reparaturbranche. Seine Ansicht: „Ich glaube, dass Autohersteller bei der Entwicklung neuer Fahrzeuge der Reparierbarkeit zu wenig Beachtung beimessen. Sie denken nur bis zum Moment des Verkaufs – was danach passiert, etwa bei Wartung oder Reparatur, spielt in ihren Überlegungen kaum eine Rolle. Hier sehe ich noch Luft nach oben. Denn letztlich führt bessere Reparierbarkeit eines Fahrzeugs zu größerer Lebensdauer und damit auch zu mehr Nachhaltigkeit.“

Umdenken hat begonnen

Inzwischen hat Sauer jedoch registriert, dass in der Autobranche ein Umdenken stattfindet. „Es beginnt bei den Verbrauchern, den Autobesitzern. Bei ihnen wächst die Erkenntnis, dass wir mit Ressourcen sparsamer umgehen müssen, zum Beispiel durch Instandsetzen statt Erneuern. Das setzt sich auch in den Werkstätten zunehmend durch.“

Angestoßen wurde diese Entwicklung bereits vor Jahren, angenommen allerdings anfangs nur zögernd. Beschleunigt wurde sie erst durch einen kaum vorhersehbaren Faktor: die globale Corona-Pandemie. „Die logistische Infrastruktur unserer Branche ist in normalen Zeiten enorm leistungsfähig. Vor Covid-19 konnte man jedes Ersatzteil, das man nicht auf Lager hatte, binnen weniger Stunden heranschaffen“, sagt Sauer. „Doch das ist unter den momentanen Umständen nicht mehr so einfach. Jetzt müssen sich Hersteller, Versicherungswirtschaft und Kfz-Betriebe gemeinsam Alternativen einfallen lassen. Und da ist Instandsetzen eine sehr gute Option.“

Mehr Texte zum Thema in der aktuellen Color News Ausgabe.

 

 

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