Der 38-jährige Oliver Kaps baut in seiner Wagenbauanstalt Autos nach den Wünschen der Kunden um. Foto: Oliver Kaps/Michael Orth

Hamburger Maßschneiderei

11.03.2020 | Reportage

Da bleibt kein Blech auf dem anderen: Wenn Oliver Kaps ein neues Projekt startet, werden (Kunden-)Träume wahr. Mit ungeheurer Kreativität. Und Lacken von Spies Hecker.

Zur Wagenbauanstalt geht’s am Ende der Straße durch das schwarze, sich lautlos öffnende Metalltor. Hinten im Grünen, im Garten, der Kinder- und Hundespielwiese ist, hat sich Oliver Kaps seine Halle gebaut. Ein Jahr Arbeit steckt in den 400 Quadratmetern, Freunde haben geholfen. Die unter seinen Freunden, die ihn nicht verspottet haben für seine Idee, Car Kustomizing nach amerikanischem Vorbild zu machen. „Was meinst du, wie viele Leute zu mir gesagt haben: Was ist das für ein Schwachsinn? Komm aus deiner Traumwelt!“

Das war 2004, und er war gerade mit einem Haufen Schrott aus den USA zurückgekommen, aus dem er sich einen 53-er Cadillac baute. Zehn Jahre lang hat er keinen Cent verdient, jetzt läuft der Laden. Zumindest sind die Zeiten vorbei, in denen Kaps sich von Toast und Frischkäse ernähren musste.

Der 38-Jährige baut Autos nach den Wünschen der Kunden um: amerikanische Lowrider, 30-er-Jahre-Karossen, Porsche 911-er. Wobei umbauen es nicht ganz trifft. In der Wagenbauanstalt wird das Auto in sämtliche Einzelteile zerlegt. Kaps und sein Kollege Michael Hamann reparieren und restaurieren die Teile. Und wenn sie diese wieder zusammenbauen, modifizieren sie alles so, wie der Kunde es haben will. Am Ende ist es ein neues Auto. Eines, das es nur einmal gibt. Alles geschieht in Handarbeit, bis am Ende in vielen tausend Arbeitsstunden das eine Unikat entsteht, von dem der Kunde immer geträumt hat.

Kaps und Hamann haben circa zehn Betriebe, mit denen sie zusammenarbeiten. Vom Sattler über den Karosseriebauer bis hin zur Silbermanufaktur, die auf Wunsch den Schriftzug „Wagenbauanstalt“ in 24 Karat Gold für die Luxuskarosse herstellt. Das potenzielle Kundensegment der Wagenbauanstalt ist sehr klein. Es umfasst genau jene Menschen, für die Geld überhaupt keine Rolle spielt.

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Blick in die Wagenbauanstalt. Foto: Oliver Kaps/Michael Orth

Wer die Halle betritt, der merkt schnell, dass die Wagenbauanstalt eine etwas andere Werkstatt ist. Aktuelle Fabrikate? Fehlanzeige! Ein halbes Dutzend teilweise oder ganz zerlegte amerikanische Straßenkreuzer stehen hier herum, Baujahre 1949 bis 1965.

Michael Hamann, der eigentlich alles kann, aber vor allem im Lackieren absoluter Perfektionist ist, schleift gerade einen Bentley. Die gestrippten Lowrider scheinen lässig im Hip-Hop-Beat mitzuwippen, der mit sattem Bass die Halle erfüllt. Es darf geraucht werden, ein paar Kästen Cola stehen bereit, um wachzubleiben, falls es später wird. Manchmal wird bis drei Uhr morgens gebastelt.

Mit Werkzeug, das teilweise antik ist. Die Drehbank hat Kaps von seinem Opa, sie ist fast 50 Jahre alt. Schraubenschlüssel kauft er lieber gebraucht, die Bohrmaschine ist ebenfalls uralt. Kaps und Hamann schweißen gerne mit der offenen Flamme, damit der Look authentisch wird. Teil der Wagenbauanstalt-Philosophie. Handarbeit. Wertarbeit. Solide muss alles sein, vom Material bis zur Arbeitseinstellung.

Das soll sich auch im Namen zeigen. Ein englischer pseudo-stylisher Name kam nicht in Frage für die Halle im Grünen. „Deutsches Handwerk ist verlässlich und steht für Qualität. Das soll der Name widerspiegeln. Er steht für Ordnung, Stabilität und Disziplin,“ erklärt Kaps.

Warten auf die Auferstehung. Foto: Oliver Kaps/Michael Orth

Die Lackierkabine ist gerade leer, wie durch die Glasscheibe zu sehen ist. Die hat Kaps extra eingezogen, damit die Kunden bei ihrem Auto hocken können, während es lackiert wird. Wer am Ende einen Betrag im mittleren sechsstelligen Segment für sein Einzelstück zahlt, der schaut auch zwischendurch mal rein.

Und bei bis zu 30 Lackschichten ist allein der Lackiervorgang ein wochenlanger Prozess. Lackieren, polieren, schleifen, wieder und immer wieder. Alles von Hand. „Wenn wir hier ein Jahr oder länger ein Auto für einen Kunden bauen,“ sagt Oliver Kaps, „dann muss die Chemie stimmen.“ Nicht nur beim Anmischen des Lacks.

Das auch, damit auf Basis von Spies Hecker Lacken der 480-er Reihe ganz abgefahrene Sonderfarbtöne das Licht der Welt erblicken, denen der gelernte Illusionsmaler Kaps das gewisse Etwas mit selbst kreierten Farbpigmenten verleiht. Und: „Wir müssen den Kunden schon leiden können.“ Es kam einmal vor, dass er einen Aspiranten vom Hof warf, die Autoschlüssel hinterher. Ein Beweis dafür, dass man für Geld dann doch nicht alles kaufen kann.

Die Kunden, Namen werden nicht genannt, kommen aus Königshäusern oder sind bekannte Musiker. Solche, die alles haben können und dann aber klaglos akzeptieren, dass die Warteliste der Wagenbauanstalt lang ist. Da muss man schon mal ein paar Jahre Geduld haben.

Bentley Tourer. Foto: Oliver Kaps/Michael Orth

Geduld, die sich auszahlt, wenn sie irgendwann ihr Auto in Empfang nehmen. Und von Hamburg direkt durch nach Saint-Tropez oder Sankt Moritz fahren. Das Gefühl, wenn sich das schwarze Tor langsam hinter ihnen schließt, wenn das Werk nach einjähriger Arbeit die Wagenbauanstalt verlässt? „Gut,“ sagt Oliver Kaps schlicht und zündet sich eine Zigarette an. „Gutes Gefühl, wieder jemanden glücklich gemacht zu haben. Das ist schließlich Sinn der Sache.“

Dann gönnen sich die Wagenbauer auch schon mal ein Glas Champagner und sinnieren über neue Projekte im Luxus-Segment: Kaps kreiert für eine französische Edelmarke Feuerzeuge, für deren Preis sich andere einen Kleinwagen kaufen. Und, neuester Plan: „Das teuerste Skateboard der Welt bauen.“ Es läuft gut in der Traumwelt des Illusionsmalers.

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