Es funkelt im Innenraum einer Mercedes R-Klasse. Bild: Rappold Karosseriewerk GmbH

Unter dem Sternenhimmel

22.09.2021 | Reportage

Die Karosseriewerk Rappold GmbH im nordrhein-westfälischen Wülfrath führt Unfallreparaturen, Fahrzeuglackierungen, Oldtimerrestaurierung sowie Caravan-Reparaturen durch. Und besetzt seit 73 Jahren eine sehr ungewöhnliche Nische: Hier werden Bestattungswagen nach Kundenwünschen speziell modifiziert. Welche Besonderheiten es dabei gibt und warum diese ungewöhnliche Arbeit nicht traurig macht: Geschäftsführerin Alma Rappold berichtet.

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Gestorben wird immer. Daher ist das Nischensegment, in dem die Karosseriewerk Rappold GmbH tätig ist, ein äußerst langlebiges. Schon seit 1948 baut das Wülfrather Unternehmen Bestattungswagen. Genauer gesagt: Bei Rappold wird der Innenausbau der Vitos von Mercedes Benz oder der T6 von VW so verändert, dass Särge und Urnen vorschriftsgemäß transportiert werden können. Denn die Bestattungsgesetze der Bundesländer schreiben exakt vor, dass und wie Verstorbene in speziell dafür hergerichteten Fahrzeugen befördert werden müssen.

Andreas Schanz Spies Hecker

Umgebaute V-Klasse mit Panoramafenster. Bild: Rappold Karosseriewerk GmbH 

Andreas Schanz Spies Hecker

Außenansicht einer umgebauten E-Klasse. Bild: Rappold Karosseriewerk GmbH 

Funktionalität und Optik sind hier gleichermaßen zu berücksichtigen, erklärt Geschäftsführerin Alma Rappold. „Beim Transport einer Urne ist es wichtig, dass sie nicht umkippen oder verrutschen kann: Daher wird ein sogenannter Urnenteller installiert. Auch ein Sarg muss sicher verankert sein. Ein einfacher Verbrennersarg hat andere Ausmaße als ein schwerer Eichensarg oder ein kleiner Kindersarg.“ Für den stabilen Halt sorgen spezielle verstellbare Schienen. Wird ein Transporter wie etwa ein Mercedes Sprinter für vier bis acht Särge modifiziert, ist die Innenkonstruktion noch einmal aufwendiger. Dass allein aus Gründen der Sicherheit und Pietät kein Sarg oder keine Urne in der Kurve verrutschen darf, liegt auf der Hand. Aber warum kommt es auf die Optik an?

 

Handarbeit und Handwerkskunst

Erfüllt mit ihrem Team alle Kundenwünsche: Geschäftsführerin Alma Rappold. Bild: Bkomm 

„Stellen Sie sich vor, dass ein verstorbener Angehöriger mit dem Bestattungswagen zuhause abgeholt wird. Sie werden ihn sicherlich so weit wie möglich begleiten wollen, das heißt, bis zum Fahrzeug. Wenn dieses Fahrzeug auf Sie einen schlechten Eindruck macht, der Innenraum gar dunkel und unschön wirkt – das empfindet man in dieser Ausnahmesituation als besonders deprimierend“, erläutert Alma Rappold. Daher bietet sie den Kunden vom funkelnden LED-Sternenhimmel bis hin zum plisseebespannten Panoramafenster, vom floralen Scheibendesign bis zum maßgeschreinerten Apothekerschrank mit lautlos schließenden Schubladen alles an. Alles wird in rund sechs bis zwölf Wochen in Handarbeit gefertigt. Der Schreiner, der Schlosser, die Schneiderin: Alle Gewerke finden sich bei Rappold auf dem Hof.

Diese Handwerkskunst hat natürlich ihren Preis: Der Innenausbau beginnt bei 12.000 Euro. Kommt noch eine spezielle Lackierung hinzu, schließlich muss ein Bestattungswagen nicht per se schwarz sein, dann wird es natürlich teurer. „Ein Kunde wünschte sich ein sehr elegantes Rot, das je nach Sonneneinstrahlung changierte; wir haben auch schon grün oder blau lackiert.“ Gab es auch schon Wünsche, die man bei Rappold nicht erfüllen konnte oder wollte? Alma Rappold überlegt kurz. „Nein. Wüsste ein Bestatter nicht, was passend ist und was nicht, dann hätte er wohl seinen Beruf verfehlt. Wir hatten noch nie eine Anfrage, die wir aus Pietätgründen ablehnen mussten.“ Ein Modell bleibt ihr jedoch ganz besonders in Erinnerung: Ein Jaguar, der an einen Kunden nach Singapur verschifft wurde: „Das war auch für uns etwas Besonderes.“

Schlechte Laune? Fehlanzeige!

20 bis 30 Bestattungswagen fertigen ihre Mitarbeiter im Jahr. Ausgeliefert wird meistens in die Schweiz, in die Benelux-Länder und natürlich nach Deutschland – bundesweit werden jährlich übrigens insgesamt rund 400 Fahrzeuge der Pietät verkauft. Ist die Frage erlaubt, wie der Bestatter an sich als Kunde ist? „Grundsätzlich sind sie treue Kunden. Viele lassen anstehende Reparaturen gerne bei uns vornehmen, da wir das Fahrzeug in- und auswendig kennen. Und, falls es Sie interessiert: Sie sind immer gut gelaunt.“ Und wie ist es für die Mitarbeiter? Den ganzen Tag an Fahrzeugen für die letzte Reise zu arbeiten – macht das nicht auf Dauer schwermütig? „Darüber habe ich auch nachgedacht, als ich hier in das Geschäft eingestiegen bin“, gibt Alma Rappold zu. „Aber das ist nicht der Fall. Der Handwerker möchte einfach, dass das Ergebnis optisch und funktional perfekt wird und dass der Kunde am Ende zufrieden ist. Wenn der Fokus darauf gerichtet ist, denkt er nicht mehr darüber nach, ob er gerade an einem Wohnmobil oder einem Bestattungswagen arbeitet.“

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