Eins von Sven Vogels privaten Schätzchen: der Knudsen-Taunus. BildBkomm 

Wenn altes Blech zu erzählen beginnt

6.10.2021 | Reportage

Es war der Taunus, mit dem alles begann. Bereits mit 14 Jahren entdeckte Sven Vogel seine Leidenschaft für Oldtimer. Mittlerweile ist aus diesem Faible für alte Karosserien und korrodierte Bleche längst ein eigener Geschäftsbereich bei Vogel Karosserie + Lack entstanden.

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Alt. Löchrig. Ausrangiert. Doch der Taunus hatte das gewisse Etwas. Ein Glücksfall für Sven Vogel, aber auch für den kleinen Ford. Denn nach dem ersten Fahrtraining auf dem Firmengelände tauschte der junge Sven das Lenkrad bald gegen den Trennschleifer, die Pedale gegen das Schweißgerät – und startete seine erste Restaurierung.

Zu Hilfe kam ihm dabei sein Vater. „Im elterlichen Betrieb konzentrierten wir uns damals noch auf das Thema Lackierung; doch mein Vater unterstütze mich mit seinem Fachwissen, aber auch sehr tatkräftig bei allen Karosseriearbeiten an dem Ford. Und davon gab es jede Menge …“ Das Ergebnis überzeugte den Vater vom Talent seines Sohnes. Und den Sohn vom Beruf des Karosseriebauers. Lehre, Fachabitur, Meisterbrief und 1995 zurück in den Familienbetrieb – die beruflichen Stationen von Sven Vogel im Zeitraffer. Längst war der alte Taunus verkauft, aber das Interesse an den Oldtimern blieb. „Privat investierte ich in dieses Hobby viel Zeit – doch beruflich war ich damit beschäftigt, neben der bestehenden Lackiererei eine eigene Karosserieabteilung aufzubauen.“

Josip Juratovic

Karosseriearbeiten an einem entlackten Lancia Montecarlo .
Bild: Bkomm 

Bis die Funken fliegen: Sven Vogel in Aktion an der alten Karosse. Bild: Bkomm

Überzeugen musste er weniger den Vater, vielmehr jedoch die Autohauskunden. Denn sie sahen den ehemaligen Lackierer nun als Wettbewerber für ihr Reparaturgeschäft. „Doch durch hohe Qualität, Zuverlässigkeit und Termintreue konnten wir nahezu alle für unsere Dienstleistung gewinnen.“ Und so wurde die Karosserieinstandsetzung zu einem wichtigen Standbein des Unternehmens. 2010 übernahm Sven Vogel die alleinige Verantwortung im Betrieb. Was folgte, waren 10 Jahre, in denen der Druck im Unfallreparaturgeschäft kontinuierlich anstieg. „Zurückgehende Margen, immer neue Forderungen von Versicherern und Schadensteuerern, Personalknappheit, Digitalisierung und gesetzliche Vorschriften – heute ist schon mächtig Druck auf dem Kessel“, so Sven Vogel.

Ganz anders die Geschichte mit den Oldtimern. Kunden, die sich beraten lassen. Die Preise anerkennen. Die den Wert des Handwerks zu schätzen wissen. „Ich hatte über meine privaten Kontakte in die Oldtimerszene natürlich zwischendurch auch immer wieder historische Fahrzeuge in der Werkstatt. Und bemerkte schnell, dass hier starker Bedarf für die fachgerechte Instandsetzung besteht.“ Langsam reifte der Entschluss, das Hobby zum dritten Standbein auszubauen. „Dabei stand fest, dass unser bisheriges Tagesgeschäft und die Restaurierung von Oldtimern nicht in eine Halle passen. Dazu sind die Voraussetzungen zu unterschiedlich. Hier die möglichst schnelle Instandsetzung, dort oft lange Standzeiten zur Beschaffung von Plänen oder Ersatzteilen – das behinderte sich gegenseitig.“

Andreas Schanz Spies Hecker

Lässig lehnt der Betriebsinhaber am Ford Transit, der einst im Einsatz für die Werksfeuerwehr eines Wetzlaer Unternehmens war. Bild: Bkomm

Das Glück kam ihm zur Hilfe. „Ich konnte einen weiteren Bereich unsers Gebäudes für die Oldtimerrestaurierung erschließen. Nun haben wir eine komplett, auch räumlich abgeschlossene Abteilung mit ausreichend Platz für das Bearbeiten und Lagern der Fahrzeuge.“ Ruhe und Gelassenheit – das strahlt dieser Raum aus. Hier wird traditionelle Handwerkskunst gelebt. Oft vergehen zwei bis drei Monate, bevor eine ehemalige „Rostlaube“ frisch aufbereitet die Halle verlässt. Ist es für ihn ein Lebenstraum, Meditation oder Geschäft? „Von allem sicher ein wenig“, so Sven Vogel. „Natürlich sehe ich die Nachfrage und die finanziellen Chancen. Aber gleichzeitig bietet mir das Thema auch Gelegenheit, mich wirklich handwerklich und konzentriert zu beschäftigen. Traditionelle Techniken und historische Werte zu erhalten.“

Klingt faszinierend – doch der Weg dahin, so Sven Vogel, war auch bisweilen steinig. „Hier hilft dir kein Computer und kein Messgerät. Hier kommt es darauf an, das Blech zu verstehen, immer wieder neue Techniken anzuwenden, oft wochenlang nach Ersatzteilen zu recherchieren.“ Vor allem: „Ohne ein Netzwerk an Teilelieferanten, Spezialisten für Leder, Holz und Polster sowie Partner für die Mechanik kann man den Einstieg komplett vergessen.“ Auch Sven Vogel hat bereits Lehrgeld zahlen müssen. Der Kunde, der ein pauschales Angebot haben möchte. Und am Ende entdeckt man jeden Tag neue Mängel und braucht die doppelte oder gar dreifache Zeit. Reparaturen, für die spezielle Geräte angeschafft werden müssen – es gibt viele Fallstricke. „Vorsicht ist vor allem bei der Angebotsgestaltung geboten. Denn wer bislang nur mit Software zur Schadenkalkulation gearbeitet hat, wird beim Oldtimer schnell verzweifeln. Hier braucht es viel Zeit, Geduld und typenspezielles Fachwissen, um Risiken und Aufwand zu schätzen.“ Doch die Kunden wissen andererseits auch gute Arbeit zu schätzen.

Noch ein Punkt: Oldtimerrestaurierung bedeutet heute häufig eben nicht besser als vom Werk. Immer mehr Kunden wollen, dass das alte Blech auch nach der Restaurierung seine Geschichte erzählt. Technisch perfekt, aber optisch mit dem Used-Look – das erfordert ganz andere Technologien als der schnelle Lackauftrag beim Gebrauchtfahrzeug. Die Konservierung von Dellen, von rostigen Stellen, eben der (optische) Erhalt der Substanz erfordert deutlich mehr Aufwand als der bloße Tausch. „Dazu braucht es sehr viel Erfahrung, immer wieder neue Versuche. Zeit, die niemand bezahlt, die im Sinne von Fortbildung verbucht werden muss.“ Dennoch – hat man die entsprechenden Kundenkreise und Objekte, lohnt sich seiner Meinung nach das Geschäft.

Oldtimer, eine Leidenschaft? Sven Vogel lächelt. „Klar, ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Finde hier Ruhe und Entspannung.“ Aber bei allem Herzblut ihm ist auch bewusst: In Leidenschaft steckt eben auch Leiden. Wenn zu viele Versuche schief gehen. Ersatzteile nicht kommen, Scheiben nicht passen. Beim Entlacken immer wieder neue Schäden auftauchen. Darum sein Rat: „Wenn sich ein Betrieb für dieses Geschäft interessiert, sollte er klein anfangen. Sich mit der Szene vertraut machen, Erfahrungen an wenigen Objekten sammeln. Und erst dann entscheiden, ob er wirklich intensiv einsteigen möchte.“

  • Firmierung: Vogel Karosserie + Lack
  • Inhaber: Sven Vogel
  • Standort: 35315 Homberg/Ohm
  • Mitarbeiter: 12
  • Geschäftsbereiche: Lack, Karosserie und Oldtimer
  • Lackmaterial: Spies Hecker
  • Web: www.vogel-lackierungen.de

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