Ahmad Mobada (l.) und Alaattin Barutcu: Mittlerweile ein eingespieltes Team. Bild: Bkomm

„Jede Menge ungeschliffene Diamanten”

17.05.2021 | Team

Fachkräftemangel? Kein Problem bei IDENTICA Lehmann in Lübeck. Geschäftsführer Alaattin Barutcu, selbst gebürtiger Türke, setzt auf eine „Multi-Kulti-Truppe“, wie er seine 11 Mitarbeiter nennt. Welche Herausforderungen, aber auch welche Chancen das birgt: color.news hat nachgefragt.

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Ahmad Mobada betrachtet zufrieden sein Werk. Ein Citroën Spacetourer, geschliffen, gespachtelt, abgeklebt – jetzt geht’s weiter zum Lackieren. Wer ihm beim Arbeiten zuschaut, sieht die geübten Handgriffe, die auf jahrelange, jahrzehntelange Routine schließen lassen. Und das, obwohl der Palästinenser syrischer Herkunft gerade einmal 35 Jahre alt ist. Mit 13 fing er an, als Fahrzeuglackierer zu arbeiten. In seiner Heimat gibt es keine Ausbildungsberufe wie in Deutschland. Man lernt von jemandem, wie es geht, und fängt dann an zu arbeiten. In Ahmads Fall zusammen mit seinem Bruder, einem Karosseriebauer. Die beiden Brüder hatten einen eigenen Betrieb, der gut lief. So gut, dass es für ein eigenes Haus und zum Leben reichte.

Der lange Weg nach Schwerin

2012 floh die Familie vor dem syrischen Bürgerkrieg in den Libanon. Von dort aus machte sich Ahmad Mobada 2015 auf den Weg nach Europa. Mit dem Schlauchboot über das Mittelmeer, 70 Personen auf engstem Raum, ihr Leben einem Steuermann anvertrauend, der eine Kollision mit einem Tanker verursachte. Wer nicht schwimmen konnte, starb in den Fluten. Wie viele waren es? „30,“ schätzt Mobada. „Ich konnte schwimmen.“ Über Griechenland und die Türkei verschlug es ihn weiter nach Schwerin. Dort traf er einen ehemaligen Mitarbeiter von Alaattin Barutcu, Inhaber von IDENTICA Lehmann in Lübeck. Mit einem „Ich hätte da vielleicht jemanden für dich …“ begann für den jungen Palästinenser 2018 die Arbeit in einem deutschen K+L-Betrieb.

Andreas Schanz Spies Hecker

Ahmad Mobada schleift einen Citroën Spacetourer. Bild: Bkomm

Hier war dann alles ganz anders – digitale Anwendungen, theoretisches Wissen, das Gehalt kommt auf ein Bankkonto und nicht bar auf die Hand, man hat eine Krankenversicherung – und doch sehr vertraut: „Handwerklich ist Ahmad auf einem extrem hohen Level unterwegs. Durchaus über den Kenntnissen und Fähigkeiten, die ein ausgelernter Geselle hat. Aber in der Theorie hapert es manchmal“, sagt sein Chef. Die sprachlichen Barrieren tun ein Übriges. Vor drei Jahren sprach Mobada kein Wort Deutsch. „Irgendwie ging es mit Händen und Füßen“, erinnert sich Alaattin Barutcu. Und es ging auch, weil in seinem Team viel Verständnis für besondere Herausforderungen da ist. „Ich habe einen Syrer, einen Afghanen, einen Perser und einen Polen in meiner Multikulti-Truppe“. Und, das fügt er nachdenklich hinzu: „Mich.“ Geboren in der Türkei, 1979 mit den Eltern und sechs Geschwistern nach Deutschland gekommen, der Vater Gastarbeiter im Straßenbau. „Was das Themen Integration und Diskriminierung angeht: Da spreche ich aus eigener Erfahrung. Und verstehe daher, wenn meine Mitarbeiter da besondere Ängste und Nöte haben.“

„Handwerklich ist Ahmad auf einem extrem hohen Level unterwegs.”

Unterstützung in allen Lebenslagen

Wer mit dem Schlauchboot kam, der hat tatsächlich andere Sorgen als der Durchschnittsbürger. Aufenthaltsgenehmigung, Arbeitserlaubnis, die Sorgen um die Eltern, die weiterhin im Libanon bleiben müssen, die Freude darüber, seine Frau und die beiden Kinder nachholen zu können – bei all dem hat Barutcu seinen Mitarbeiter unterstützt. „Im Moment wohnt er noch in einer Wohnung, die ich ihm zur Verfügung stelle. Jeden Tag 70 Kilometer von Schwerin nach Lübeck zu pendeln, das wäre ja der Wahnsinn. Aktuell helfen wir bei der Wohnungssuche, aber das ist derzeit nicht so einfach.“

Geflüchtete Handwerker aus Syrien, Afghanistan oder dem Libanon – die Lösung für den hiesigen Fachkräftemangel? Ganz so einfach sei das nicht, gibt Alaattin Barutcu zu bedenken. Prinzipiell könnte es Sinn machen, als K+L-Betrieb Kontakt zum Beispiel zu Moscheegemeinden oder Kulturvereinen aufzunehmen, in denen die oftmals muslimischen Flüchtlinge organisiert seien. „Definitiv sind unter den Geflüchteten jede Menge ungeschliffene Diamanten. Top-Handwerker, die zwar keine Ausbildung nach deutschem Standard absolviert haben, die aber technisch versiert sind und schnell lernen.“

Aber wie geht es dann weiter? „Wir reden hier von teilweise schwer traumatisierten Menschen. Wir reden davon, dass ein Vorgesetzter dann nicht nur Chef im Betrieb für denjenigen ist, sondern Ansprechpartner in allen Lebenslagen, der Steuermann, in dessen Hände der Geflüchtete seinen weiteren Lebensweg legt.“ Und dann gibt es noch die kulturellen Unterschiede, die nicht immer leicht zu fassen sind, im Alltag aber eine Rolle spielen. „Der Südländer als solcher“, sagt der Türke Barutcu, „verwendet gern blumige Worte, eine ausgeschmückte Sprache. Der Norddeutsche mag es knapp und nüchtern. Den Spagat müssen Sie erstmal hinkriegen.“

Andreas Schanz Spies Hecker

Ahmad Mobada im Farbmischraum: Neue Abläufe mit digitalen Anwendungen, in die er sich schnell eingefunden hat. Bild: Bkomm

Im Ramadan ticken die Uhren anders

Zu diesem Spagat gehört auch, dass im Fastenmonat Ramadan die Uhren im Betrieb anders ticken, wenn fünf von elf Mitarbeitern muslimischen Glaubens sind. „Die Leute sind dann müde und schlapp vom Fasten. Da kann ich nicht die volle Leistung verlangen.“ Dann müssen die Abläufe manchmal anders geplant werden, weil das Arbeitstempo langsamer ist. Ob ein deutscher Chef dafür Verständnis hätte? „Grundsätzlich bin ich gerne bereit, meine Erfahrungen an Kollegen weiterzugeben, die einen Geflüchteten einstellen möchten. Wie es dann funktioniert, das muss dann jeder Betrieb selbst mit seinen Mitarbeitern aushandeln.“ Dass es funktionieren kann, zeigt sich an Barutcus Multi-Kulti-Truppe. Es lässt sich auch an Ahmad Mobadas zufriedenem Gesicht ablesen, der froh ist, dass seine Frau jetzt einen Deutschkurs machen kann und dass seine beiden Kinder hierzulande auf die Schule gehen können. Sein großer Wunsch: „Meine Eltern aus dem Libanon holen. Und eine schöne Wohnung.“ Und weiterhin bei IDENTICA Lehmann das tun, was er am liebsten macht: Fahrzeuge wieder auf Vordermann bringen.

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