Die Türen und Klimaanlage von BMW-Fahrzeugen kann man ab Baujahr 2014 via Connected-App steuern. Foto: BMW

Gefahr für die Werkstätten?

21.08.2020 | Werkstatt

App-Steuerung: Wenn der Besitzer aus der Ferne sein Fahrzeug kontrolliert und steuert.

Sauber abgeklebt, Füllerpistole im Einsatz. Doch unvermittelt öffnet sich das Schiebedach. Und der Spritznebel senkt sich in den Innenraum. In einer anderen Werkstatt arbeitet gerade der Karosseriebauer im Radhaus – als sich das Fahrzeug wie von Geisterhand in Bewegung setzt. Und den Mitarbeiter verletzt. Ein Schreckensszenario, das Wirklichkeit werden kann? Dank Steuerung der Fahrzeugfunktionen per Smartphone-App, dem Zugriff von weltweit jedem Standort auf das eigene Auto erscheint dies zumindest auf den ersten Blick möglich. Doch können Autobesitzer ihren Wagen wirklich so fernsteuern, dass Schäden am Fahrzeug oder gar Gefahren für die Werkstattmitarbeiter davon ausgehen?

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Tesla-App auf iPhone

Die Tesla-App bietet die meisten Service-Funktionen aller verglichenen Apps, darunter auch das Herbeirufen des Autos. Foto: Tesla

Tesla ist Vorreiter

Vorreiter auf dem Gebiet der Fahrzeugsteuerung per App ist Tesla. Seit Jahren spendiert der Hersteller seinen Fahrzeugen immer neue elektronische Gimmicks. Man kann bequem aus der Ferne den Stand des Akkus checken, die Klimaanlage steuern oder den Standort des Autos abfragen. So weit, so gut. Aber der Tesla-Besitzer kann sein Fahrzeug via Internet ver- und entriegeln, den Kofferraum und das Handschuhfach öffnen und schließen. Zudem sorgt der Valet-Modus im Werkstattbetrieb dafür, dass das Fahrzeug bei dem Versuch einer Probefahrt jenseits des erlaubten Umkreises einfach stehenbleibt.

Der Komfort geht bei Tesla so weit, dass man sein Auto auch per App herbeirufen kann, z.B. um es aus einer engen Parklücke heraus zu manövrieren. „In Deutschland ist dies aber nur über Bluetooth möglich“, so Tesla. „Der Nutzer darf sich in maximal 15 Meter Entfernung aufhalten, um den Wagen vorsichtig vor- und rückwärts zu steuern.“ Aber: Je nach Länderkennung sind ganz unterschiedliche Funktionen freigeschaltet. In Amerika darf der Tesla deutlich eigenständiger sein als in Deutschland. Vorsicht also bei Grauimporten – oder Modellen, deren Software ggf. „upgedatet“ wurde.

Auch das Werkstattnetz IDENTICA beobachtet die erweiterten Funktionen einer Fernsteuerung und Fernüberwachung von Fahrzeugen kritisch. Karsten Stöcker, Axalta Business Development Manager, bereitet derzeit für die Mitglieder des Werkstattnetzes klare Handlungsempfehlungen vor. Daneben prüft IDENTICA, ob der Einsatz von Störsendern in den Werkstätten das Risiko minimieren kann. Grundsätzlich rät Karsten Stöcker dazu, die Kunden für das Thema zu sensibilisieren und ggf. gemeinsam mit ihnen die App für die Zeit des Werkstattaufenthaltes zu deaktivieren. Technisch betrachtet hilft es, das Fahrzeug stromlos zu setzen, auch wenn die Mobilität dadurch eingeschränkt ist. Unter rechtlichen Gesichtspunkten könnte es sinnvoll sein, den Kunden mit seiner Unterschrift das Abschalten der Funktionen quittieren zu lassen.

Sicherheit an erster Stelle

Bei den deutschen Premium-Herstellern ist Komfort ebenfalls Trumpf, doch die Sicherheit steht an erster Stelle. „Alle App-Funktionen können deaktiviert werden. Hierzu genügt es den Fernzugriff zu entziehen oder den Privacy Mode zu aktivieren“, so Jan Klonz von der Produkt- und Technikkommunikation von Porsche. „Die Werkstatt ist in Abstimmung mit dem Kunden dazu berechtigt. Da eine Fernsteuerung des Fahrzeugs aus der der Ferne nicht möglich ist, sehen wir aber kein Potential für Schadensfälle.”

Auch Mercedes-Benz bietet Werkstätten und Kunden die Möglichkeit, alle Remote-Funktionen der Mercedes-Me-App zu deaktivieren. Pressesprecher Georg Walthart: „Im Rahmen von Wartungs- und Reparaturarbeiten greifen weitere automatische technische und instruktive Sicherungsmaßnahmen.“ Man empfehle den Werkstätten jedoch, die Batterie abzuschließen, damit keine Remote-Dienste am Fahrzeug empfangen werden könnten. Für die Haftung gelte das Verursacherprinzip.

Porsche erforscht gemeinsam mit Kopernikus Automotive das autonome Fahren in der Werkstatt. In Ludwigsburg wurde ein Testfeld aufgebaut, das vor allem auf künstliche Intelligenz (KI) setzt. Das Testfeld des autonomen Fahrens umfasst eine Kundendiensthalle sowie deren Vorhof. Das Testfahrzeug, ein Cayenne Turbo S E-Hybrid, bewegt sich dabei vollständig autonom vom Parkplatz zur Hebebühne und wieder zurück. Mitarbeiter manövrieren den Sportwagen per Tablet automatisch und zeitsparend an die richtige Position in der Werkstatt. Der erfolgreiche Test beweist die Machbarkeit des autonomen Fahrens in der Werkstatt, das laut Porsche viele Vorteile bietet. So können durch das automatisierte Fahrzeug-Handling Reparaturfälle kosteneffizienter und schneller umgesetzt werden. „Wir können uns gut vorstellen, dass das autonome Fahren in der Werkstatt in den nächsten vier bis sechs Jahren bereits Realität wird“, so Porsche gegenüber color.news.

Steuerung temporär unterbrechen

Über das App-Service-Paket „Audi connect Notruf und Service mit Audi connect Remote & Control“ sind z.B. das Ver- und Entriegeln des Autos, das Erfragen der Parkposition und das Abrufen des Fahrzeugstatus möglich. Stefan Grillneder, bei Audi zuständig für die Kommunikation Produkt und Technologie. „Sicherheitskritische Funktionen wie z.B. das Starten des Motors oder das Öffnen und Schließen von Fenster und Schiebedächern sind in unserer App nicht enthalten.“ BMW-Kunden können ihren Wagen abschließen und entriegeln – jederzeit und von überall aus. „Dies funktioniert allerdings nur im Stand und nur über das Kunden-Smartphone“, so Nadja Horn, Team Lead Connectivity & Digital bei der BMW Group. „In Absprache mit der Werkstatt kann diese Steuerung temporär unterbrochen werden.“

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