Fahrzeuge und deren Reparatur werden immer komplexer

Intelligente Fahrzeuge − neue Herausforderungen

25.04.2022 | Werkstatt

Je komplexer Sensoren und ihre Aufgaben werden, desto sensibler wird die Technik dahinter. Experten verraten, worauf es in Zukunft ankommt und wie Werkstätten die Reparatur intelligenter Fahrzeuge meistern.

 

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Die zunehmende Ausstattung der Fahrzeuge mit allerlei digitalen Helferlein und die sinkende Schadenquote durch diese Überwachungssysteme stellt den Unfallreparaturmarkt vor eine neue Situation, so Dr. Christoph Lauterwasser, Geschäftsführer AZT Automotive GmbH, und sein Kollege Thomas Behl, Referatsleiter Reparaturforschung und -technik im AZT.​

„Nach einer aktuellen Studie des GDV wird es bis 2040 einen Rückgang der Unfälle um bis zu 20 Prozent geben“, zitiert Dr. Lauterwasser aus dem im Herbst vom Gesamtverband der Versicherer veröffentlichten Papier. Konkret werden in den nächsten Jahren einerseits weniger Schäden in den Werkstätten auftauchen; andererseits sorgt die wachsende Sicherheitsausstattung für steigende Kosten in jedem einzelnen Schadenfall. Dr. Lauterwasser: „Zwar gehen wir als Versicherer davon aus, dass die Summe unserer Ausgaben insgesamt niedriger als heute sein wird; doch der Anteil der Kosten für Austausch oder Instandsetzung und Kalibrierung der immer öfter auftauchenden Sensorik steigt.“ Komplexe Elektronik trägt zwar dazu bei, Schäden zu vermeiden; kann aber selbst wiederum Schaden nehmen. Dies stellt die Reparatur- und Lackierbetriebe vor die Schwierigkeit, sich hier bei ständig ändernden Softwareständen und Vorgaben der Fahrzeughersteller wirklich (rechtssicher) auszukennen.

 

Dr. Christoph Lauterwasser

Dr. Christoph Lauterwasser, Geschäftsführer der AZT Automotive GmbH

Systemkalibrierung wird wichtiger

„Die Kalibrierung dieser Systeme wird in der Unfallschadenreparatur einen deutlich höheren Stellenwert haben“, ist sich Dr. Lauterwasser sicher. „Hier kommen große Herausforderungen auf die Freien Werkstätten zu.“ Technische Ausrüstung, digitale Diagnosetools, betriebliches Know-how – drei Bereiche, in die eine zukunftsfähige Werkstatt demnach investieren muss. Doch vor dieser (finanziellen) Entscheidung steht nach Ansicht des Experten zunächst eine Übergangsphase.

Kooperationen sind vorerst die bessere Lösung

„Die Zahl der verbauten Systeme steigt zwar rasant an. Doch die entsprechenden Fahrzeuge bilden heute nur eine vergleichsweise kleine Teilmenge aller Pkw und kommen erst in den folgenden Jahren immer mehr in die Werkstätten.“ Eine Aussage, die Thomas Behl weiter ausführt: „In der nächsten Zeit wird es sich für die freien Werkstätten kaum lohnen, hier in umfassende Systeme für alle Hersteller und Fahrzeugtypen zu investieren. Dazu ist das Schadenaufkommen noch zu gering. Zunächst sind Kooperationen mit anderen Freien Werkstätten oder mit Markenbetrieben der Hersteller sicherlich die bessere Alternative.“ Wobei ihm auch klar ist, dass diese die individuelle Freiheit eingrenzen. Und die Kosten des Betriebes wachsen lassen. „Es ist für eine Karosserie- und Lackierwerkstatt eine wirklich große Herausforderung, hier immer auf dem neusten Stand zu sein“, so Dr. Lauterwasser.

Thomas Behl

Thomas Behl, Referatsleiter Reparaturforschung und -technik im AZT

Denn die Hersteller der Hardware – hier in Form der Automobilindustrie –, die Anbieter von Testern und Software neigen dazu, ständig neue Updates anzubieten beziehungsweise vorzuschreiben, damit die das technische Wissen von gestern bereits zum kritischen Moment bei der Kalibrierung werden lassen. Hinzu kommt die Pflicht der Dokumentation und der Archivierung der Daten. Ein Job für Experten, die von der korrekten Beschichtung der Sensoroberfläche bis zur Kalibrierung alle Vorgänge beherrschen. Und noch ein Thema spricht Dr. Lauterwasser an. „Das Thema IT-Sicherheit wird dabei ebenfalls weiter in den Vordergrund rücken. Denn die aktuellen und zukünftigen softwarebasierenden Systeme müssen frei von unberechtigten Zugriffen bleiben.“ Wurden in der Vergangenheit vor allem die OBD2-Schnittstellen als Einfallstor für digitale Angriffe entlarvt, könnte heute ein Virus gegebenenfalls auch über die Diagnosesoftware der Werkstätten in das Fahrzeug eindringen.

Reibungsloses Funktionieren der Systeme ist Aufgabe der Werkstätten

„Die betriebsinterne IT-Sicherheit muss jederzeit gewährleistet sein.“ Insgesamt sind Fahrerassistenz und Software ein komplexes Thema – das aus Sicht des AZT aber die Umsetzung wert ist. Schließlich sind sehr viele Sachschäden vermeidbar. „Vergleichsweise leichte Schäden bis zu etwa 3.000 Euro Schadenaufwand haben derzeit einen Anteil von rund 40 Prozent bei der Regulierung von Kasko- und Haftpflichtschäden.“ Für ihn grundlegender ist allerdings die Minimierung von Personenschäden. Das gemeinhin mit Schleudertrauma bezeichnete Unfallereignis sei der am häufigsten regulierte Personenschaden. Bestehende automatische Frontbremssysteme würden dieses Risiko für die Insassen erheblich senken. Zudem würden neue Systeme auch Fußgänger und Zweiradfahrer erfassen und damit noch einmal stärker zur Senkung von Personenschäden im Straßenverkehr beitragen. Wenn die Systeme einwandfrei funktionieren. Dies ist – bei der Behebung von Schäden – die Aufgabe der Werkstätten. „Dabei dürfen wir nicht jedes System separat betrachten. Letztendlich spielen alle Sensoren zusammen. Und lassen für das Auto so ein Bild seiner Umgebung entstehen.“ Der Vorteil: Nicht funktionierende Sensorik oder extrem falsche Einstellungen werden von der fahrzeugeigenen Software erfasst und gemeldet. Möglichkeit für die Werkstatt, nachzubessern – bevor das Schadenereignis eintritt.

 

Fahrzeuglackierung

Ziel des AZT: Durch die systematische Erforschung von Fahrzeugunfällen und Schadenbildern neue Wege zur Senkung der rasant steigenden Reparaturkosten entwickeln.

Foto: AZT

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