Werkstatt der Zukunft: Mit dem digitalen Laufzettel unterwegs. Bild: iStock/bernardbodo

„Mehr Zeit für Wichtigeres”

26.03.2021 | Werkstatt

Lucas Purmann, 30, denkt nach vorn: Als Mitglied des Digitalisierungsbeirates des ZKF und Assistenz des Vorstandes bei der EUROGARANT AutoService AG beschäftigt er sich täglich mit digitalen Innovationen. Für den studierten Betriebswirt ist klar: Ohne digitale Lösungen funktioniert es in K+L-Betrieben nicht, wenn sie wettbewerbsfähig bleiben wollen. Bedeutet das die Abkehr vom Handwerk?

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Herr Purmann, Handwerk heißt, dass man etwas mit seinen Händen schafft, ganz analog. Das hat bis heute gut funktioniert. Warum muss das Handwerk jetzt digitaler werden?

Digitalisierung bedeutet nicht, dass der Handwerker seine Tätigkeiten, oder, wenn wir im Besonderen vom Kfz-Lackierer sprechen, er das Lackieren einer Maschine überlässt. Im Gegenteil, an vielen Stellen verfeinern sich die handwerklichen Fähigkeiten immer weiter und in Aus- und Weiterbildungen werden immer spezieller werdende Techniken gelehrt. Diese immer ausgefeilteren Arbeitsabläufe werden heute an einigen Stellen digital unterstützt, wenn Sie etwa an nahezu vollautomatisierte Lackierkabinen und die digitale Farbtonfindung denken.

Ohne diese digitalen Helfer geht es nicht mehr?

Es geht schon, aber wenn Sie die Arbeitsschritte unter Effizienzgesichtspunkten betrachten, gewinnen ganz klar die digitalen Lösungen. Eine Lackierkabine, die selbst merkt, wenn der Filter gewechselt werden muss und diesen direkt bestellt – dadurch haben Sie mehr Zeit für Wichtigeres. Vor allem, wenn man einen Blick auf die zunehmenden administrativen Aufgaben wirft. Die vor- und nachgelagerten Prozesse rund um den eigentlichen Arbeitsvorgang wie zum Beispiel die Instandsetzung eines Pkw, werden immer komplexer und sind nur digital darstellbar.

Zum Beispiel?

Rund um den Arbeitsvorgang fallen zahlreiche Dokumentationen an – für die Versicherungen, für den Kunden, für Sie selbst. In Papierform wäre es äußerst unübersichtlich und schwer zu handhaben. Um Kunden zu gewinnen, haben Sie im Idealfall ihr Betriebsprofil auf einer Plattform hinterlegt, die von Schadensteuerern und Fuhrparkmanagern genutzt wird. Ihre digitale Auffindbarkeit sorgt für Aufträge. Dass ein Betrieb heutzutage eine aktuelle und gepflegte, möglichst SEO-optimierte Webseite haben sollte, versteht sich von selbst. Einige Betriebe halten über die sozialen Medien, etwa Facebook oder Instagram Kontakt mit den Kunden.

Besteht aber auf lange Sicht nicht doch die Gefahr, dass der Mensch durch die Maschinen überflüssig wird?

Wie eingangs gesagt: Der Lackiervorgang bleibt eine Tätigkeit, die ein Mensch ausführen muss und meiner Meinung nach ist das auf lange Sicht auch noch so. Und auch in der Interaktion mit dem Kunden wird auch ein Mensch am anderen Ende der Leitung bleiben – ob per Mail, per Telefon oder bei den Apps zur kontaktlosen Fahrzeugübergabe.

„Ein optimal strukturierter Arbeitstag kommt sowohl dem Mitarbeiter als auch dem Betrieb zugute.“

Nun ist nicht jeder Betriebsinhaber ein Computer-Crack, der sich selbst in neue Prozesse einarbeiten kann. Und nicht jeder hat die Zeit, sich ein umfassendes Bild von den digitalen Angeboten im Markt zu machen. Wer kann weiterhelfen?

Es gibt an verschiedenen Stellen kompetente Ansprechpartner. Lackhersteller wie zum Beispiel Spies Hecker bieten oftmals digitale Lösungen für verschiedene Bereiche in der Werkstatt und auch die entsprechende Beratung und Betreuung durch Außendienstmitarbeiter an. Verbände wie der ZKF haben einen Digitalisierungsbeirat, der aus den Werkstätten heraus die Trends setzt und eine EUROGARANT AutoService AG, die die Digitalisierung weiterentwickelt. Der Austausch mit Kollegen ist hier übrigens nicht zu unterschätzen! Zu guter Letzt kann auch der Softwarehersteller weiterhelfen, über den ich Software beziehen möchte oder bereits erworben habe.

Wie sieht es mit dem Thema Datenschutz aus – muss ich das als Betriebsinhaber auch bei meinen digitalen Daten im Blick haben?

Das ist ganz klar der Fall. Daher sollte heute jeder Betrieb seinen Hard- und Softwaredienstleister haben, der die rechtlichen Fragen rund um das Thema Datenschutz im Blick hat und die digitalen Einrichtungen des Betriebes stets auf dem aktuellen Stand hält. Hier trennt sich übrigens die Spreu vom Weizen: Ein Anbieter, der in Sachen Datenschutz keine Fachkenntnis hat, sollte tunlichst gemieden werden.

Lucas PurmannDen Fokus auf die Effizienz setzen” Bild: Martina Lehmann

Welche sind denn die aktuellen Digitalisierungstrends in der K+L-Branche?

Es gibt viele Entwicklungen, die sehr schnell voranschreiten. Digitale Warenwirtschaftssysteme sind in vielen Betrieben schon lange implementiert. Aktuellstes Thema ist der sogenannte Mobile Worker. Der Mitarbeiter hat eine Art digitalen Laufzettel auf seinem Tablet, anhand dessen er die Aufträge des Tages bearbeitet. Die dahinterliegende Software berechnet die optimalen Abläufe mit möglichst geringen Standzeiten für die Fahrzeuge und möglichst kurzen Laufwegen für den Mitarbeiter. Ergänzt wird der digitale Helfer des Handwerkers durch repair-pedia – ein Wissensportal für die Karosserie- und Lackierbetriebe, in dem alle Reparaturprozesse präzise erklärt werden – und schon bald durch Virtual-Reality (VR) Lösungen, die noch besser unterstützen.

Und ermöglichen gleichzeitig auch die Überwachung des Mitarbeiters?

Ich würde hier eher den Fokus auf die Effizienz setzen. Ein optimal strukturierter Arbeitstag kommt sowohl dem Mitarbeiter als auch dem Betrieb zugute.

Ist die Corona-Pandemie ein Beschleuniger für die Digitalisierung im K+L-Betrieb?

Zumindest sorgt sie dafür, dass das Thema aus den Schubladen auf die Werkbank kommt. Anwendungen wie zum Beispiel Apps zur kontaktlosen Fahrzeugübergabe gibt es schon lange – aber seit Beginn der Pandemie werden sie definitiv stärker nachgefragt. Und die Frage, wie ich mit meinen Kunden in Kontakt bleibe, auch wenn ich keine persönliche Interaktion habe, erfordert ebenfalls digitale Lösungen.

Wie sieht es in der Ausbildung aus – werden die Lehrlinge genügend auf digitale Anwendungen vorbereitet?

Das kommt ganz auf den Betrieb an – es hängt davon ab, wie aufgeschlossen der Inhaber oder die Inhaberin gegenüber digitalen Lösungen ist. Mit Blick auf die Ausbildung selbst erarbeiten wir gerade im ZKF eine digitale theoretische Gesellenprüfung und ein digitales Berichtsheft.

Welche Chancen bietet die Digitalisierung den Betrieben?

Die Liste ist lang. Ich sehe folgende Punkte im Vordergrund: Verkürzte Reaktionszeiten auf Kundenanfragen und damit einhergehend eine höhere Kundenzufriedenheit. Außerdem: optimale Auffindbarkeit im Internet durch entsprechende Plattformen, auf denen Schadensteuerer und Flottenmanager Reparaturaufträge vergeben. Und: leichteres sowie effizienteres Arbeiten durch digitale Organisation des Arbeitsalltags

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